Tuvia Tenenboms neues Buch „Allein unter Flüchtlingen“

„Sie und ich mögen seine Worte nicht gutheißen, doch ich finde, er hat das Recht, sie zu äußern. Hätte er sich entsprechend über Juden geäußert, dann würde ich ihm genau dasselbe Recht zubilligen, obwohl ich schließlich selbst jüdisch bin. Denn, hey, lieber weiß ich, was die Leute über mich denken, als meine Zeit mit ‚Liberalen‘ zu vergeuden, die mir Liebe schwören, mich und andere Juden aber in Wahrheit nicht ausstehen können.“

Diese Worten stammen von Tuvia Tenenbom. Sie finden sich im 21. Kapitel seines neuen Buchs „Allein unter Flüchtlingen“. Allein schon für dieses Kapitel lohnt sich die Lektüre des Buchs. Während des Lesens des Kapitels sind mir mehrfacht Schauer über den Rücken gelaufen. Das Kapitel trägt den Titel: „Der Volksfeind“

Tuvia Tenenbom schildert in diesem Kapitel sein Treffen mit dem deutschen Autor Akif Pirinçci. Man muss diesen Mann nicht mögen, um zu erkennen, wieviel Unrecht und Gewalt ihm in Deutschland angetan wird. Man muss jedoch ein sehr selbstgerechter Deutscher sein, um die Gewalt, die ihm alltäglich angetan wird, zu rechtfertigen oder achselzuckend hinzunehmen. Es ist egal, was Akif Pirinçci geschrieben hat, es ist falsch, was ihm alltäglich in Deutschland angetan wird.

Als Tuvia Tenenbom Akif Pirinçci besucht, fällt ihm zunächst auf, dass seine Wohnungstür mit diversen Farbanschlägen attackiert wurde. In der Wohnung erfährt Tuvia dann, dass Amazon seine Bücher nicht mehr direkt verkauft, ausgerechnet Amazon, wo Bücher des Ku-Klux-Klans, „Mein Kampf“ und der Koran feilgeboten werden. Als Tuvia und Akif spazieren gehen, wird Tuvia Zeuge, wie ein junger Mann auf Akif zustürmt und ihn böse beschimpft. Einige Zeit später wird Akif von einem älteren Herrn beschimpft. Als Tuvia ihn auf diese Verbalangriffe anspricht, erzählt Akif, dass es auch schon mal vorgekommen ist, dass jemand eine Flasche Cola über seinen Kopf entleert hat. Als sie in ein Restaurant gehen wollen, erfährt Tuvia, dass es mehrere Restaurants gibt, die sich weigern, Akif Pirinçci zu bedienen. Tuvia Tenenbom beschreibt seine Erfahrungen wie folgt:

„Junge und alte Deutsche haben nichts Besseres zu tun, als diesen Mann zu verletzten. Als Akif, den Volksfeind, zu verletzen. Gib den Leuten die Gelegenheit, andere zu verletzen und zu demütigen, sage ihnen, Grausamkeit sei eine Tugend, und sie werden zu Tieren.“

Ich kenne die Grausamkeiten nur zu gut. Was bin ich schon angegriffen, nur weil ich schreibe, was mir gerade so durch den Kopf geht. Dabei wird mir immer vorgeworfen, ich würde mich mit den Menschen gemein mache, deren Rechte ich verteidige. „Du solltest Dir echt überlegen, ob Du diesen Bericht veröffentlichen möchtest“, riet mir eine gute Freundin, mit der ich mich in der Zeit der Entstehung über diesen Artikel sprach und fügte hinzu: „Du unterstützt damit Akif Pirinçci und solltest Dich fragen, ob Du das willst.“ Ja, das will ich! Schließlich gelten die Grundrechte für alle Bürgerinnen und Bürger, nicht nur für die, die sich gut benehmen.

Als Frauen im 19. Jahrhundert das Wahlrecht forderten, gab es jene Gruppierung, die forderte, Frauen mögen sich erst einmal beweisen, ob ihnen das Recht überhaupt zustünde, während die radikalen Feministinnen erklärten, jeder Frau stünde das Wahlrecht zu, unabhängig von ihrem Verhalten, ganz einfach weil sie ein Mensch sei. Hedwig Dohm betonte, „Menschenrechte haben kein Geschlecht“ und führte aus:

„Die Schwachen und Kranken, die Krüppel, die Dummen und die Brutalen, sie alle sind wahlberechtigt. Jede Frau, die schreiben und lesen kann, steht an Fähigkeiten über dem Mann, der diese Kunst nicht versteht.“

Man mag Akif Pirinçci für dumm, brutal und krank halten. Wenn man findet, er habe die Würde eines anderen Menschen verletzt, so kann man ihn verklagen und den Rechtsweg wählen. Ihn jedoch zu attackieren, Cola über seinen Kopf zu gießen und sein Eigentum zu zerstören, sind inakzeptable Aktionen und verlangen eine klare Verurteilung. Egal was er gesagt hat! Ich werde solche Gewalttaten immer kritisieren, weil sie unmenschlich sind und es ist mir egal, in welche Ecke ich dafür von wem auch immer gestellt werde. Ich verteidige Akif Pirinçci genauso gegen Gewalt, wie ich Henryk Broder oder Ayaan Hirsi Ali verteidige. Gewalt gegen Menschen oder die Wohnung eines Menschen ist falsch, möge es nun ein Appartement in Berlin sein oder ein Flüchtlingsheim in Heidenau.

In den letzten Jahren wurde ich aufgrund meiner Verteidigungen schon in die abenteuerlichsten Ecken gestellt. Die Liste der Hasszuschriften gegen mich ist lang. Als ich die Behandlung von vermeintlichen Nordafrikanern durch die Polizei in der Silvesternacht zum 1. Januar 2017 kritisierte, wurde mir vorgeworfen, ich würde die Sicherheit der Frauen verraten. Als ich die Ausschreitung eines gewalttätigen Mobs gegen Milo Yiannopoulus kritisierte, wurde mir vorgeworfen, ich würde die Homosexuellen verraten. Immer wenn ich den Hass gegen Israel kritisiere, wird mir vorgeworfen, ich würde die Palästinenser verraten. Aufgrund meines Wahlkampfes für Hillary Clinton wurde mir Verrat an Israel vorgeworfen und wegen meiner Aussage, Donald Trump sei kein Populist, wurde ich zum Rechtspopulisten erklärt. Als ich das Recht auf Meinungsfreiheit auch für einen AfD-Politiker forderte, wurde mir vorgeworfen, ich mache Wahlkampf für die AfD. Man muss aber kein AfD-Sympathisant sein, um zu kritisieren, dass auf einen Plakatierer der AfD und auf ein Parteibüro der AfD geschossen wurde. Als ich das Recht auf Meinungsfreiheit für Jan Böhmermanns verteidigte, wurde mir vorgeworfen, ich sei ein Türkenfeind. Als ich das Recht von Chris Tall verteidigte, Witze zu machen, war ich ein weißer Rassist. Als ich auch Xavier Naidoo verteidigte, wurde mir vorgeworfen, ich sei nun völlig durchgedreht. Aufgrund meines Einsatzes für den Feminismus werde ich von einigen Leuten so gescholten wie von anderen Leuten für meinen Einsatz für Flüchtlinge.

Ich bin Feminist, streite für Israel, wirke in der FDP, verabscheue die AfD, kämpfe gegen Homophobie, kritisiere den Islam, lache über den Katholizismus und habe keine Angst vor Menschen, die ihr Meinung sagen. Ich habe Angst vor Menschen, die sich so sicher und so frei von jedem Zweifel sind, dass sie Gewalt rechtfertigen oder billigend in Kauf nehmen, um ihre Gewissheit zu manifestieren.

„Wenn wir es zulassen oder gutheißen, dass Menschen mit Gewalt aus dem Diskurs entfernt werden, und möge ich ihre Aussagen noch so sehr verabscheuen, glaub‘ mir Gerd, dann sind wir Juden die Nächsten.“

Das sind die Worte meines Gastvaters Jim Davidson. Ich habe ihm einiges zu verdanken. Die Gespräche mit ihm haben mich geprägt. Als es im Februar 2017 zu Ausschreitungen an einer amerikanischen Universität kam, weil dem gewalttätigen Mob nicht gefiel, dass ein Unterstützer Trumps eine Rede halten sollte, musste ich an diese Worte denken. An einer Universität wurde ein Diskurs verhindert, ausgerechnet dort, wo der freie Diskurs gelebt werden sollte wie sonst nirgendwo, wo die Elite der Bildung lebt, die in der Lage sein sollte, die Freiheit der Gedanken zu leben, wo kluge Geister streiten, forschen und um Erkenntnis ringen und wo Akademiker und Akademikerinnen begabt genug sein sollten, das Falsche analytisch zu erkennen, so dass es keinen Grund gibt, Gedanken zu verbannen, weil dort aufgeklärte Menschen den Mut besitzen, sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen.

Mir macht diese Selbstgerechtigkeit Angst, denn wer weiß, ob nicht jene Menschen, die heute einem Trumpverteidiger das Recht nehmen, sich am Diskurs zu beteiligen, mich morgen aus dem Diskurs entfernen, weil sie glauben, ich sei eine Gefahr. „Wehret den Anfängen“ brüllen die Gerechten und meinen damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus Angst konstruieren. Aus Angst nehmen sie Menschen als Geisel ihrer Vermutung. Diese Angst ist die Wurzel des totalitären Denkens, die Gewalt über Gedanken als Präventivschlag ermöglicht. Tuvia Tenenbom fragt in seinem Buch:

„Was macht Menschen zu Gerechten? Was bringt sie dazu, diejenigen zu demütigen, die nicht ihrer Meinung sind? Ich weiß es nicht. Welches Verbrechen hat Akif begangen? Er macht sich über den Islam lustig. Er, der türkische Junge, der deutscher Staatsbürger wurde, zieht die Religion seiner Eltern durch den Kakao, er verhöhnt seine eigene Kultur und sein eigenen Volk. Ich kenne Leute wie ihn. Weiße Deutsche, die das Christentum, die Religion ihrer Eltern, verhöhnen und die ihre eigene Kultur und ihr eigenes Volk auf den Arm nehmen – und manchmal Hassreden gegen Christen halten, so ähnlich wie oder schlimmer noch, als Akif es tut. Wie wir alle wissen, sind diese Leute die Künstler, die Autoren, die kulturelle Elite Deutschlands. Als Weiße haben sie das Recht, so etwas zu tun und man stellt sie dafür auf den Sockel. Akif aber hat nicht dieses Recht, so etwas zu tun. Weil er Türke ist. Weil er eine dunklere Haut hat. Weil seine Eltern Muslime waren.

Knapp zusammengefasst haben Weiße Rechte, die Nichtweiße nicht haben. So denken politisch korrekte Menschen. Sie sind, um es mal kurz und deutlich zu sagen, verdammte Rassisten. Passt auf, ihr Leute aus Syrien, Libyen und Nordafrika: Der Tag wird kommen, da ihr wie Akif lernen werdet, dass man euch hier nur liebt, wenn ihr brav auf der untersten Stufe bleibt.“

Ich kenne Leute, die durchstöbern Facebook danach, wer die AfD wählt oder mit Pegida-Leuten diskutiert, nur um sie dann zu blockieren, ganz so, als hätten sie dadurch einen heroischen Akt des Widerstands geleistet, der sie auf eine Stufe mit der Weißen Rose stellt. Es hilft aber nichts, seine politischen Gegner als „Pack“ zu bezeichnen und ihnen den Stinkefinger zu zeigen. Im politischen Diskurs müssen wir mit ihnen reden! Wenn es Leuten schlecht geht, flüchten sie. Manche flüchten in andere Länder, andere flüchten in Ideologien. Einige Länder und Ideologien sind gut, andere weniger. Wer sich das Äußern einer Meinung verbittet, sorgt lediglich dafür, dass die Meinung nur noch gedacht wird! Aber nur weil ich jemanden nicht mehr höre, heißt das nicht, dass er die Sache nicht mehr denkt. Die Meinung wird lediglich erst sichtbar, wenn sie sich zu einer Handlung entwickelt hat. Dann aber ist es oft zu spät!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Kneipe und da sitzt ein Mann mit einem Hakenkreuz am Revers. Sie würden denken: „Oh, ein Nazi, dem gebe ich kein Bier aus.“ Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, er trüge dieses Hakenkreuz nicht, weil es verboten ist. Sie würden sich vielleicht hinsetzen, sich vorstellen, er würde Sie nicht mit „Heil Hitler“ begrüßen, weil das unter Hate Speech fällt, Sie würden erst ein wenig plaudern, dabei das ein oder andere Bier trinken, vielleicht sogar ein Bier ausgeben, bis das Gespräch auf ein Thema fällt, bei dem Sie merken: „Scheiße, ein Nazi!“ Dann aber ist es zu spät. Sie haben ihm bereits ein Bier ausgegeben und alles nur, weil ein Verbot des Hakenkreuzes Sie daran gehindert hat, den Mann sofort als das zu erkennen, was er ist. Ich weiß lieber, wie jemand drauf ist, bevor er zur Tat schreitet. Außerdem möchte ich mit einem Nazi nicht plaudern. Mit einem Nazi möchte ich ausnahmslos Klartext reden!

Ich gebe den naiven Glauben nicht auf, dass Reden, Zuhören und Streiten helfen, sich zu verstehen und den Hass zu mindern! Außerdem ist Zuhören ein präventiver Schutzmechanismus, nur so lerne ich das Innere eines Menschen kennen und kann rechtzeitig entscheiden, ob ich mich vor ihm schützen sollte. Meinungsfreiheit nutzt dem Gehassten immer mehr als dem Hassenden!

Wer alles ausklammert und entfreundet, was ihm nicht gefällt, wird blind für das, was wirklich in der Gesellschaft vor sich geht und wird entsetzt aus dem Sessel fallen, wenn bei der nächsten Wahl die Menschen in der geheimen Wahlkabine ihre Meinung in ein definitives Kreuz verwandelt haben. Dann fallen sie aus allem Wolken und sagen, sie hätten all das nicht kommen sehen. Natürlich haben sie es nicht kommen sehen! Sie haben ja auch all die Menschen entfreundet. Sie konnten sich nicht mit diesen Menschen auseinandersetzen, ihnen nicht entgegentreten und ihnen nicht widersprechen. Alles nur, weil sie diese Menschen nicht kannten. Sie vermehrten sich im Verborgenen, Geheimen, Verbotenem. Andere Meinungen ausklammern ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen!

Tuvia Tenenbom hat daher vollkommen Recht, wenn er mit allen Menschen redet und mögen sie noch so verhasst sein. In seinem Buch „Allein unter Flüchtlingen“ redet er mit Volker Beck, Henriette Reker, Gregor Gysi, Lutz Bachmann und Frauke Petry. Die Art, wie er mit seinen Gesprächspartnern spricht, macht das Buch besonders lesenswert, denn selten wird in Deutschland so miteinander geredet. Die deutsche Art zu „diskutieren“ beschreibt Tuvia Tenenbom am Beispiel Frauke Petrys:

„Für viele Deutsche in führenden Positionen ist Frauke jedenfalls der Gottseibeiuns. Der Hauptgrund, warum die deutschen Medien jedes Mal auf Tauchstation gehen wollen, wenn ein Flüchtling bei einem schweren Verbrechen erwischt wird, lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Frauke Petry. Wen wundert es da, dass ihr Journalisten beim Interview viel lieber ins Gewissen reden oder Vorhaltungen machen, als sie wirklich etwas fragen? Vor einiger Zeit sah ich auf der Deutschen Welle ein auf Englisch geführtes Interview mit ihr, bei dem sich der Fragesteller nicht mit dem Fragenstellen begnügte; er ließ sie kaum zu Wort kommen und unterbrach sie permanent. Das war kein Interview, sondern der ziemlich brutale Versuch einer öffentlichen Demontage. Als ich das sah, sagte ich mir: Ich werde so etwas niemals tun. Jeder Interviewte, welche Meinung er auch vertritt, verdient eine faire Behandlung. Viele sogenannte Journalisten sehen das aber leider anders. Und in Fraukes Fall geht es für sie unterm Strich einfach um Folgendes: Sie wollen nicht, dass Frauke auch nur ein Quäntchen mehr Macht erlangt.“

Tuvia Tenenbom redet offen und in neugieriger Zugewandtheit mit seinen Gesprächspartnern und erfährt so, dass die minderjährigen Kinder von Frauke Petry öffentlich gemobbt werden wegen ihrer Mutter. Sippenhaft nannte sich das bei den Nazis.

In „Allein unter Flüchtlingen“ redet Tuvia mit deutschen Politikern wie er bei „Allein unter Deutschen“ mit deutschen Nationalisten und bei „Allein unter Juden“ mit arabischen Nationalisten gesprochen hat. Das Ergebnis ist ein Abbau eben jenes Hasses, der es ermöglicht, dass Menschen auf Kinder losgehen, weil ihnen die Mutter nicht gefällt. Nach dem Gespräch mit Frauke Petry stellt er fest:

„Als die Zeit zum Aufbruch naht, posiert sie mit mir vor der Kamera, als wären wir alte Kumpel. Sie brauchte eine Weile, um mit mir warm zu werden, aber am Ende ist die richtig aufgetaut. Sie ist keine Dämonin, muss ich Ihnen leider mitteilen; sie ist eine Deutsche, eine deutsche Lady, die laut ausspricht, was die größten deutschen Machos nicht einmal zu flüstern wagen. Ich mag diese Lady. Wenn ich es recht bedenke, mochte ich bislang jeden Deutsch und jeden Araber, dem ich auf dieser Reise begegnet bin. Wie kommt es, werden Sie sich vielleicht fragen, dass ich unweigerlich Gefallen an Arabern und Deutschen finde, also genau an den Leuten, die eine bizarre Tradition des Judenhass verbindet? Ist das der Schicksal des Juden, seine Feinde zu lieben?“

Tuvia versteht die Kunst des offenen Gesprächs. Allerdings traut sich nicht jeder Mensch mit ihm auf die hohe See der klaren Worten. In Kapitel 23 ist es zum Beispiel Henriette Reker, die sich windet, ja nicht das Falsche zu sagen. Sie weiß nämlich, wie schnell und gnadenlos man in Deutschland für eine reine Wortäußerung in Grund und Boden gestampft werden kann. Der Shitstorm, den ihre Armlängeaussage im Januar 2016 ausgelöst hatte, ist legendär. Volker Beck hat es vorgezogen, große Teile seines Gesprächs mit Tuvia Tenenbom komplett zurückzuziehen. Daher sind all seine Antworten im 22. Kapitel geschwärzt, was besonders schade ist, weil wir so nicht erfahren, ob über den Deal mit der Türkei in Sachen Flüchtlingspolitik überhaupt parlamentarisch abgestimmt wurde.

Wie schmutzig muss die Arbeit wohl sein, die die türkische Regierung für Deutschland macht, dass es keine klare Antworten gibt. Vermutlich sehr schmutzig. Nach der Lektüre von „Allein unter Flüchtlingen“ hat man jedenfalls viele Deutsche kennengelernt, die sich ihr weißes Hemd aus dem Eine-Welt-Laden nicht schmutzig machen und dennoch sicher in ihrem artgerechten Garten lustwandeln möchten, bevor sie abends bei Bio-Wein und lokalem Walnussbrot darüber philosophieren, was es bedeutet, ein gutes und gerechtes Leben zu führen. Sie sind der Grund, warum die schmutzige Arbeit zur Sicherung ihres Ökosystems in die Türkei delegiert wurde. In der Türkei hat Deutschland einen willigen Vollstrecker für das schmutzige Staatsgeschäft der Grenzsicherung gefunden.

Für die türkische Regierung ist die Verteidigung der Grenze mit Waffengewalt als Ultima Ratio eine Selbstverständlichkeit. Die AfD hat über Schießbefehle an Grenzen nur fabuliert, die deutsche Regierung unter CDU und SPD jedoch lässt schießen. Die türkische Regierung fängt in tiefster Dankbarkeit und Ergebenheit der deutschen Regierung einen Großteil der Flüchtlinge ab, die nach Deutschland wollen, so dass der Deutsche dann stolz sagen kann: „Es gibt keine Obergrenze in der Flüchtlingsfrage.“

Überall hört Tuvia Tenenbom diese Aussage, obwohl sie offensichtlich Blödsinn ist. Alles hat eine Obergrenze! Kein Raum hat unendliche Kapazität. Die Obergrenze für Flüchtlinge liegt dort, wo ein Land nicht mehr in der Lage ist, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Wer sich weigert, eine Obergrenze zu definieren, weigert sich, Verantwortung zu übernehmen.

Die Flüchtlinge, die aus Syrien und anderen Kriegsländern kommen, sind größtenteils durch Krieg traumatisierte und brutalisierte Männer, die aus zerbrochenen Clanstrukturen stammen, zusammengehalten von einer autoritären Religion, gegründet von einem patriarchalen Feldherren! Diese Männer brauchen individuelle Hilfe und intensive Betreuung. Sie in überfüllte, enge Räume und Zelte zu zwängen, nicht selten zusammen mit Menschen aus Ländern und Kreisen, mit denen sie in der Heimat im Krieg lagen, ist das Gegenteil von Hilfe. Es ist ein Fortführen des Kriegs mit anderen Mitteln!

Tuvia Tenenbom besuchte für sein Buch Flüchtlingslager. Was er vorfand war teilweise unmenschlich und deckt sich vollkommen mit dem, was auf meinem Blog berichtet wurde, nur noch schlimmer. Tuvia berichtet von Kälte, Nässe, Krankheit und Kot. Ein Ort, an dem definitiv keine Liebe gemacht werden kann. Tuvia schreibt:

„Sobald ich aus dem Lagerbereich raus bin, setze ich mich. Ich muss mich sammeln und darüber nachdenken, was ich gerade gesehen habe. Ich habe nicht damit gerechnet, das zu sehen, was ich sah. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Land wie Deutschland Menschen so behandelt. Ein Teil von mir möchte weinen, der andere will einfach nur schreien. Traurig ist das, sehr traurig. Was wird mich auf dieser Reise noch erwarten? O Allah, hab Erbarmen!“

Tuvia Tenenbom zitiert einen Flüchtling, der in einem deutschen Flüchtlingslager lebt, mit diesen Worten:

„Dies ist ein schrecklicher Ort. Die deutsche Regierung behandelt uns schlechter als Hunde. Hunde haben ein besseres Leben als wir! Ich will hier raus. Ich will nach Syrien zurück. Wenn ich hier raus rennen und ein Flugzeug nach Syrien nehmen könnte, ich würde es heute tun! Ich will hier raus! Heute noch! Heute!“

Nach der Lektüre von „Allein unter Flüchtlingen“ weiß man, dass es den meisten Deutschen, die die Flüchtlinge klatschend, tränengerührt und selbstergriffen patriotisch Willkommen hießen, gar nicht um die Flüchtlinge ging, sondern vielmehr nur um ihr eigenes Image! Sie benutzen Flüchtlinge, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Tuvia Tenenbom schreibt:

„Was mir am meisten auf die Nerven geht, ist, dass diese guten Deutschen alles andere als gut sind. Schleichen Sie sich doch bei Gelegenheit mal in ein Flüchtlingslager und machen Sie sich selbst ein Bild. Schauen Sie sich die maroden Zustände an, riechen Sie den Gestank, machen Sie sich bewusst, wie hier Feinde zusammengepfercht werden, kosten Sie von dem Essen und verschaffen Sie sich einen Eindruck von den elenden Zuständen, unter denen die Flüchtlinge hier in jedem Augenblick, an jedem Tag, in jedem Monat leben. Das einzige, was an dieser ganzen Willkommenskultur-PR-Maschinerie wie geschmiert funktioniert, ist das, was auch im letzten Jahrhundert prima geklappt hat: die perfekte Organisation der Transporte.“

Nachdem ich die letzte Seite des Buchs gelesen hatte, schloss ich das Buch in der Gewissheit: Ich bin nicht alleine im Nirgendwo. Es gibt tapfere Menschen wie Tuvia Tenenbom.

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