Herrennachmittag mit Dame

Heute fand in diesem beschaulichen Restaurant auf einem Golfplatz in der Nähe von St. Augustin bei Bonn ein Vortrag von Irena Wachendorff im Auftrag des Rotary Clubs Bonn-Siegburg unter dem Titel “Rufmord durch Blocks (sic!) im Internet” statt.

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Da auch ich in meinem „Block“ Tapfer im Nirgendwo über Irena Wachendorff berichtet habe, ging ich zu dem besagten Ort, um mir ein Bild von der Veranstaltung zu machen. Ich hatte einfach Grund zu der Annahme, dass auch mir „Rufmord“ unterstellt werden würde. Allerdings sollte ich nicht erfahren, was Irena Wachendorff an diesem Nachmittag von sich gab. Der Präsident des Rotary Clubs Bonn-Siegburg, Volker Kricke, teilte mir nämlich mit: „Da es sich um ein rotarisches Meeting handelt in dem auch clubinterne Dinge besprochen werden, ist es für Gäste leider nicht offen.“

Da saß ich also an der Bar des Restaurants, trank eine Tasse Kaffee und sah durch die Glastüre in den benachbarten Raum, in dem Irena Wachendorff mit ungefähr zwanzig Männern an drei Tischen saß und aß. So wie ich erkennen konnte gab es Klöße, Rotkohl, Sauce und eine Fleischbeilage. Ich ging später zu McDonalds, aber das tut hier jetzt nichts zu Sache. Der Kaffee war lecker. Nach dem Essen stand Irena Wachendorff auf, las mal aufgeregt vom Blatt, mal sprach sie frei. Sie verteilte Fotokopien und gestikulierte. Ich hätte nur zu gern gewusst, was sie da alles von sich gab, konnte aber leider nichts verstehen. Nur sehen konnte ich durch die Glasscheibe. Es sah aus wie ein Herrennachmittag mit gemeinsamen Essen und anschließender Stripperin. Nur entblößte Irena Wachendorff dort nicht ihren Körper sondern offenkundig ihre Seele. Ein Herrennachmittag mit Dame.

Für alle, die Irena Wachendorff nicht kennen: Lange Zeit galt sie als jüdische Lyrikerin, Vorbeterin in der Kölner Reform-Gemeinde Gescher la Massoret, Mitglied der israelischen Armee während des Libanonkrieges und Tochter einer Mutter, die ein Vernichtungslager der Nazis überlebt hat, woran sie immer denken muss, wenn sie ihre alte, pflegebedürftige Mutter wäscht und die tätowierte Nummer auf dem Arm sieht, und eines Vaters, der ein Zadik, also ein ganz besonders frommer Jude gewesen sein soll. Eine spannende Biografie, wie gemacht für einen Herrennachmittag am Rhein, nur leider nicht ganz wahr. Der Journalistin Jennifer Nathalie Pyka ist es zu verdanken, dass einige Details in der Biographie von Irena Wachendorff korrigiert werden mussten:

Der Kölner Reform-Gemeinde Gescher la Massoret ist Frau Wachendorff nicht als Mitglied bekannt sondern nur als Abonnentin des Gemeindeblattes. Von ihrem Engagement als Vorbeterin weiß dort auch niemand etwas, nicht einmal der Rabbiner. In der israelischen Armee hat sie laut Recherchen Pykas auch nie gedient. Das Jüdischste, was Irena Wachendorff somit vorweisen kann, ist ein Abo. Da ist selbst Mel Gibson jüdischer. Bei den Eltern musste die Vita auch ein wenig korrigiert werden. In der Yad Vashen Datenbank, in der vier der sechs Millionen jüdischen Shoah-Opfer gelistet sind, gab es hinsichtlich des Mädchennamens der Mutter, deren gesamte Familie angeblich umkam, keinen einzigen Treffer. Ein Anruf Pykas bei der Mutter brachte dann folgendes Ergebnis. Die Mutter sprach: “Auschwitz? Nein, ich nicht.” Mit dieser mütterlichen Aussage konfrontiert erklärte Irena Wachendorff, dass sie sich nicht wirklich daran erinnern könne, in welchem Vernichtungslager die Mutter war und die Nummer auf dem Arm sähe eigentlich auch nur so aus als könnte es vielleicht etwas sein, dass so ähnlich aussieht wie eine Nummer, mit nur ein ganz klein wenig etwas sehr viel Phantasie. Irena Wachendorffs Vater wiederum war Leiter des Pflanzenschutzamtes der Landwirtschaftskammer Rheinland und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Im Mai 2009 wurde er auf dem nicht-jüdischen Bad Godesberger Burgfriedhof im Rahmen einer Trauerfeier der evangelischen Marienfosterkirche in einer Urne beigesetzt. Für einen angeblichen Zadik, also einen besonders frommen Juden schon eine sehr erstaunliche Angelegenheit, da weder die Verbrennung der sterblichen Überreste noch eine christliche Trauerfeier zum Repertoire einer jüdischen Beerdigung gehören. Jennifer Nathalie Pyka recherchierte weiter und fand heraus, dass Wachendorffs Vater kein Zadik war, sondern ein, wie soll ich es sagen, ähm …, ich sag es einfach frei heraus: Wehrmachtsoffizier. Das ist jetzt zwar nicht wirklich jüdisch, aber was sollen wir uns hier mit Detailfragen aufhalten.

Als ich von dieser Geschichte erfuhr, schrieb ich einen Artikel unter dem Titel „Diesen Holocaust hat es nie gegeben“, in dem unter anderem folgendes stand: „Irena Wachendorff hat mehrfach gelogen und sich eine maßgeschneiderte Holocaustlüge angefertigt. Sie hat sogar in Schulen von ihrer erlogenen Geschichte erzählt. Die Schülerinnen und Schüler, die ihr dort zugehört haben, wissen nun, dass dieser Holocaust erfunden ist. Wenn aber dieser Holocaust erfunden ist, so können sich diese junge Menschen nun fragen, warum sollen dann die anderen Holocaustgeschichten nicht auch frei erfunden sein? Vielleicht sogar alle? Irena Wachendorff hat sich wie ein Pfau mit den Federn tatsächlicher Holocaustopfer “geschmückt”, nur damit sie so ihre Lyrik besser verkaufen kann. Bei dieser Instrumentalisierung des Leids Anderer zur Vermarktung der eigenen Persönlichkeit hat sie zudem die Förderung der Holocaustleugnung in Kauf genommen.“

In diesen Worten wird Irena Wachendorff vermutlich auch Rufmord sehen. Deshalb wäre ich nur zu gerne in dem Raum gewesen, um zu erfahren, warum ich mich ihrer Meinung dieser Tat schuldig gemacht habe. In der jüdischen Philosophie wird das Problem des Rufmords übrigens ausgiebig behandelt und gehört zu den wenigen Vergehen, für die es unter Umständen keine Vergebung geben kann, da die Folgen der Rufschädigung irreversible sein können, ähnlich wie beim Mord – daher auch „Rufmord“.

In der jüdischen Philosophie wird allerdings unterschieden zwischen der bewussten Diffamierung einer Person durch die Verbreitung von Lügen und dem Schlechtmachen einer Person in seiner Abwesenheit durch das Verbreiten von Wahrheiten über eine Person, jedoch in der Absicht, der Person dadurch zu Schaden. Das zweite Vergehen wird als לשון הרע (lashon hara, „böse Zunge“) bezeichnet und gilt als besonders schwere Sünde. Das erste Vergehen ist auch eine Sünde, nicht ganz so schlimm, aber dennoch. Es wird als hotzaat shem ra bezeichnet.

Gehen wir also für einen kurzen Moment davon aus, dass es sich bei Irena Wachendorff wirklich um eine Jüdin handelt, die sich im Judentum Dank ihres sehr frommen Vaters sehr gut auskennt, dann hat sie sich heute entweder eine schwere oder einer der schwersten Sünden zu Schulden kommen lassen. Sie hat entweder lashon hara oder hotzaat shem ra betrieben. Oder aber sie ist einfach nur eine Kostümjüdin, die allen Anstand und jede Vernunft verloren hat. Nachdem es mit der Holocaust-Sache nicht so richtig geklappt hat, ist sie jetzt eben ein Opfer von „Blocks im Internet“. Ist ja fast Auschwitz. Warum jedoch ausgerechnet eine solche Frau einen Vortrag über Rufschädigung halten darf, bleibt ein Geheimnis.

Aber wer schon „Block“ schreibt … Offenkundig haben die Verantwortlichen der heutigen Veranstaltung keine Ahnung wie die Blogosphäre funktioniert. Die Herrenrunde hinter der Glasscheibe wirkte auf mich jedenfalls eher wie eine Gruppe von Kopisten, die sich über den Buchdruck echauffieren.

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Original? Cover!

„Freedom is just another word for nothing left to lose.“

Dieser Ausspruch dürfte wohl zu den Sätzen gehören, die am häufigsten fehlzitiert werden. Fast immer, wenn dieser Satz fällt, wird als Quelle Janis Joplin angegeben. Es stimmt zwar, dass sie den Satz gesagt oder besser gesungen hat, aber das Lied und der Text sind nicht von ihr. Ihre Version des Liedes „Me an Bobby McGee“ ist nur ein Cover. Das Lied stammt im Original von Kris Kristofferson und Fred Foster.

Ich habe vor einiger Zeit „Hamlet“ interpretiert. Ich kann es daher kaum erwarten bis einer Gerd Buurmann angibt, nachdem er „To be or not to be that is the question“ gesagt hat.

Bei manchen Liedern glaubt man nur, das Original zu kennen und ist dann sehr überrascht, wenn man erfährt, dass es sich bei dem vermeintlichen Original um ein Cover handelt. Tapfer im Nirgendwo präsentiert daher nun eine Liste der Cover, die gerne als Original durchgehen.

Liebe Leserinnen und Leser,

nutzen Sie gerne die Kommentarspalte für Hinweise auf weitere vermeintliche Originale.

***

Sie glauben „Me and Bobby McGee“ sei von Janis Joplin? Sie irren sich. Das Original ist von Kris Kristofferson und Fred Foster.

Sie glauben „I’ve been looking for freedom“ sei von David Hasselhoff? Sie irren sich. Das Original ist von Jack White und Gary Cowton und wurde von Marc Seaberg gesungen.

Sie glauben „Nothing compares to you“ sei von Sinead O’Connor? Sie irren sich. Das Original ist von Prince und wurde von St. Paul der Band The Family gesungen.

Manchmal sind die Coverversionen echt besser als die Originale. Oder mag man einfach immer mehr die Version, die man zuerst gehört hat?

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Ich hab ihn!

Wunderbar! Es ist endlich geschehen. Ich habe den Friedensnobelpreis im Sack. Großartig!

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Heute wurde der Friedensnobelpreis an die Europäische Union verliehen. Da ich Teil der Union bin und bisher an jeder Wahl teilgenommen habe, gehen bei der momentanen Bevölkerung der Union 0,0018 Euro des Preisgeldes in Höhe von 930000 Euro an mich. Da die Union von den Bürgerinnen und Bürgern getragen wird und sie diese Vereinigung überhaupt erst möglich machen, darf ich wohl erwarten, dass eine Wahl stattfinden wird, was mit dem Preisgeld geschehen wird. Im Zuge dieser Wahl kann dann auch direkt mal gefragt werden, ob eine Mehrheit der Bevölkerung die Union überhaupt will, schließlich sind wir jetzt Friedensnobelpreisträger.

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„Sei stark. Tu es!“

Auf YouTube gibt es einen Film, der drei Minuten lang ist und auf dem nichts zu hören ist. Dennoch ist der Film ein lauter und weithin hörbarer Schrei – ein Schrei, der Mut machen soll!

Wenige Wochen nach ihrer Vergewaltigung hat die 14-jährige Lovisa Nystrand aus Schweden die Ereignisse in einem Video auf Facebook der Öffentlichkeit geschildert. In dem Film mit dem Titel „So ist es passiert“, sagt sie kein Wort, sondern hält stattdessen eine Karteikarte nach der anderen vor die Kamera. Dieser Film ist nun auch auf YouTube gelandet.

Im August war Lovisa Nystrand von einem fünf Jahre älteren Mann vergewaltigt worden. Am Mittwoch wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Mit dem Film auf Facebook reagiert sie auf Unterstellungen, sie trage irgendwie eine Mitschuld an dem Vorfall.

„Der Film war eigentlich nur für meine Bekannten gedacht“, sagt sie der Zeitung Aftonbladet. „Es gab so viele hässliche Gerüchte, ich sei Mitschuld. Ich wurde beschimpft und bedroht.“

Diese Unterstellung ist nur zu bekannt. Nazis fühlen sich von Ausländern provoziert, Islamisten von Karikaturisten, Rassisten von Schwarzen, Judenhasser von Israel und Frauenhasser von jungen, hübschen Frauen.

„Viele haben sich bei mir gemeldet und erzählt, dass sie auch vergewaltigt wurden, dass sie sich aber nicht trauten, das anzuzeigen“, sagt Lovisa Nystrand und fügt hinzu: „Ich sage ihnen: ‚Sei stark. Tu es!'“

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„Deutschland ist meine Heimat“

Ein Kommentar von Özgür Cebe.

„Mittlerweile ist es schon salonfähig geworden, dass Deutsche mit Migrationshintergrund (wie ich) nicht sagen dürfen, dass es Dinge in diesem Land gibt, die verbesserungswürdig sind. Wenn ich auf einen Spiegel Online Artikel aufmerksam mache, in dem steht, dass ein Neonazi von einem Richter rehabilitiert wurde und seine Taten eine Bandbreite von gefährlicher Körperverlertzung bis hin zum Todschlag hat, dann darf ich auch mal Pfui sagen. Die NSU-Mordserie ist noch nicht einmal ermittlungstechnisch abgeschlossen und der Focus der Aufmerksamkeiten liegt bei den Islamisten. Und dass ich den Tag der Deutschen Einheit nicht kritiklos annehme, macht mich auch nicht zu einer Person, die Deutschland verlassen sollte. In letzter Zeit gehört es zum guten Ton zu sagen: „Wem es hier nicht gefällt, der soll wieder zurückgehen. Und zwar dorthin wo er herkommt!“

In meinem Fall wäre das Bielefeld. Für alle Bildzeitungsleser: das ist in Ostwestfalen und nicht Ostanatolien. Deutschland ist meine Heimat, mein Land. Einigen wird diese Aussage nicht gefallen, weil ich kein „echtes deutsches Blut“ habe, aber ob ihr es glaubt oder nicht, mein Blut ist genauso rot wie Eures. Und als Deutscher nehme ich mir das Recht, die Missstände in diesem Land anzuprangern; genauso nehme ich mir das Recht das Land zu loben.“

Wie konnte es bloß soweit kommen? Was ist bloß los, dass wir nicht mal mehr miteinander streiten können?

„Deutschland ist meine Heimat“, sagt Özgür Cebe und er hat Recht. Es ist nicht nur seine Heimat, er ist sogar ein Patriot, weil er das Beste für sein Land will und dazu gehört es, dafür zu sorgen, dass Deutschland nicht in die Hände brauner Rattenfänger fällt. Kritik und ziviler Ungehorsam sind patriotische Akte, denn sie sorgen dafür, dass eine Gesellschaft offen und menschlich bleibt. Özgür Cebe zu sagen, er solle verschwinden, ist ebenso unanständig, wie einem Ralph Giordano Islamfeindlichkeit vorzuwerfen, wenn er den Islam kritisiert oder Heinz Buschkowsky Rassismus vorzuwerfen, weil er die Situation in Berlin-Neukölln kritisiert. Das Recht zu kritisieren, möge es nun ein Land, eine Religion oder eine Ideologie betreffen, ist genauso ein Bürgerrecht wie das Recht zu loben.

20121004-183718.jpg (Willibert Pauels und Özgür Cebe warten auf ihren Auftritt in der Moschee in Duisburg.)

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Bilder vom Theatermarathon

In der Nacht zum 3. Oktober 2012 haben Herr Weber und ich im Rahmen der Zwölften Kölner Theaternacht wieder einen Theatermarathon hingelegt. Wieder einmal wurde viel gespielt, gesungen, gelacht, geweint und getrunken. Wieder einmal habe ich etwas zu viel getrunken. Ich brauche also eine kleine Erinnerungshilfe. Sollten Sie in der Nacht in der Studiobühne gewesen sein und Fotos gemacht haben, dann senden Sie sie doch bitte an kunstgegenbares@hotmail.de. Sie werden dann hier veröffentlicht. Danke.

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Traurig bei Oldenburg

von Viktoria Burkert

Wir besuchten eine Claes-Oldenburg-Ausstellung und die Erläuterungen auf unseren Audioguides machten uns traurig.

So viele schöne Gedanken zum ästhetischen Schaffen, zum Leben und zur Vergänglichkeit und doch ließen uns das weiche Waschbecken, der Sado-Maso-Ventilator und das Sitzkissen-Kuchenstück kalt.

Der Ketchup bezog sich auf Hans Arp. Und der schwarze Lichtschalter war sicher eine Anspielung auf Malewitsch.

Gerd musste an die sprechenden Möbel aus der Muppet Show denken und eine Mitarbeiterin des Museums untersagte mir, mich in der Nähe der großen Stoffsäge auf die Stufen zu setzen.

Bald verließen wir die Ausstellungsräume und kamen an einem abgesperrten Saal vorbei. Dort standen viele große Holzgestelle schon bereit, um Oldenburgs Werke nach dem Ende der Ausstellung für den Abtransport in Empfang zu nehmen.

Ihre Verlassenheit und ihre unaufdringliche Präsenz, ihre noch ausgesetzte Nützlichkeit und ihr geduldiges Warten, in dem sich ganz dezent so etwas wie eine Forderung vernehmen ließ, berührten uns sehr.

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(TINVB)

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Stephan Kramer bewaffnet sich

In Berlin hat sich der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, mit einem Journalisten der Zeitung Haaretz zu einem Interview getroffen. Sie trafen sich im Café Einstein auf dem Boulevard Unter den Linden in Berlin, allerdings in einem Hinterzimmer. Als der Journalist fragte, warum sie sich in einem Hinterzimmer treffen würden, ob er sich vielleicht bedroht fühlte, antwortete Stephan Kramer:

„Ich trage eine Pistole 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.“ Er könne zu vielen Menschen in seinem Land nicht mehr trauen und sei zu der Erkenntnis gekommen: „Die Juden können sich nur selbst retten.“ Dann erzählte Kramer, dass er die Waffe sogar schon einmal zur Abschreckung nutzen musste, da er von einem Judenhasser in Deutschland auf offener Straße bedroht wurde.

„Er schrie mich sehr aggressiv an und fragte, was ich hier mache. Er schrie, dass ich kein Recht hätte, hier zu sein. Er brüllte sogar meine beiden acht und zehn Jahre alten Kinder an. Er schrie mir ins Gesicht, wenn meine Kinder nicht da wären, würde er mich … Er wollte, dass ich den Satz zu Ende bringe. Mich schlagen? Mich töten? Ich sagte ihm daraufhin, dass ich eine Waffe bei mir hätte, öffnete meinen Mantel und zeigte ihm meine Pistole. Ich betonte allerdings, die Waffe nicht ziehen zu wollen! Ich hoffte, es würde ihn abschrecken.“

Gibt es einen traurigeren Tiefpunkt für das jüdische Leben in Deutschland als einen Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, der sich so von der deutschen Politik und Gesellschaft verlassen fühlt, dass er nur noch zur Selbstbewaffnung greifen kann?

Im selben Interview erzählt Kramer wie er in der Nähe des Kölner Doms mit anderen Juden stand, als eine Gruppe von Menschen „an uns vorbei ging und sagte: Schau, Juden! Die Art und Weise, wie sie das sagten, klang wie bei Affen im Käfig.“

Währenddessen schmieren zu Aachen Nazis, aber die grüne Bürgermeisterin will keine jüdischen Störenfriede in der Stadt. In Duisburg, Bochum und anderen deutschen Städten wird derweil das Zeigen der Israelfahne verboten. In Frankfurt rufen Demonstranten zur Vergasung von Juden auf. In Kaiserlautern wird ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen. In Heidelberg wird Hilde Domins Grab geschändet. In Worms wird ein Anschlag auf die Synagoge verübt. In Hannover werden Juden mit Steinen beworfen. In Berlin wird ein Rabbiner verprügelt.

Wundert sich da wirklich noch jemand ernsthaft, dass Stephan Kramer eine Waffe trägt?

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Papst will Zölibat abschaffen!

Bei einem Besuch der französischen Bischöfe in Rom hat sich Papst Benedikt XVI. deutlich gegen den Zölibat ausgesprochen. Laut dem Papst ist „die Familie die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens.“ Die Familie sei jedoch „an vielen Orten durch eine Vorstellung der menschlichen Natur, die sich als defekt herausstellte, bedroht (… est menacée en bien des endroits, par suite d’une conception de la nature humaine qui s’avère défectueuse).“ Ehe und Familie seien Institutionen, die gefördert und „gegen alle möglichen Irreführungen ihrer wahren Natur“ verteidigt werden müssten. Die Verteidigung des Lebens und der Familie in der Gesellschaft sei „keineswegs rückständig, sondern vielmehr prophetisch (… n’est en rien rétrograde, mais plutôt prophétique).“

Einige Medien meinten in diesen Aussagen des Papstes sofort eine Kritik an den Plänen der französischen Regierung, noch bis Anfang 2013 die Homo-Ehe in Frankreich zu legalisieren, erkennen zu können. Obwohl der Papst die geplante Homo-Ehe nicht in seiner Rede erwähnt, glauben sie, aus dem Zusammenhang der Rede gehe eindeutig hervor, dass nunmehr für die katholische Kirche nicht mehr Homosexualität, sondern eben „die die Familie bedrohende Homo-Ehe“ als ein „Defekt“ gelte. Das kann aber wirklich nur der in diese Rede hineininterpretieren, der genau das lesen will!

Warum sollen Homosexuelle eine Gefahr für Ehe und Familie sein? Auf der ganzen Welt gründen Lesben und Schwulen Familien, sie zeugen oder adoptieren Kinder und manche treten sogar in den Stand der Ehe ein. Es gibt somit genug Lesben und Schwule, die das Prinzip Ehe und Familie in Würde leben und verteidigen.

Wenn es aber einen Lebensstil gibt, der die Ehe kategorisch ausschließt und sich weigert, Familien zu gründen, dann ist es der Zölibat. Im Gegensatz zu vielen Lesben und Schwulen zeugen katholische Priester keine Kinder und wenn sie es tun, dann stehen sie nicht zu ihnen, verleugnen sie wie Petrus Jesus verleugnet hat und verraten somit das Konzept Familie auf eine geradezu widerwärtige Art und Weise. Petrus war übrigens der erste Papst und selbstverständlich verheiratet. Daher kann die Rede des Papsts eigentlich nur so verstanden werden:

Die Familie ist die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens. Sie wird jedoch an vielen Orten durch eine Vorstellung der menschlichen Natur, die sich als defekt herausstellte, bedroht. Ehe und Familie sind Institutionen, die gefördert und gegen alle möglichen Irreführungen ihrer wahren Natur verteidigt werden müssen. Die Verteidigung des Lebens und der Familie in der Gesellschaft ist keineswegs rückständig, sondern vielmehr prophetisch. Daher gilt nur eins: Der Zwang zum Zölibat für katholische Priester muss verschwinden!

So deutliche Worte hat es schon lange nicht mehr aus dem Mund eines Papsts gegeben.

Gratias ago tibi summo Pontifice!

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Das Wort des Jahres 2012

Seit dem Jahr 1971 wird von der Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort des Jahres erkoren. Das erste Wort des Jahres in der Geschichte war „aufmüpfig“. In den letzten Jahren wurden die Worte „Stresstest“ (2011), „Wutbürger“ (2010), „Abwrackprämie“ (2009), „Finanzlrise“ (2008), „Klimakatastrophe“ (2007),  „Fanmeile“ (2006), „Bundeskanzlerin“ (2005) und „Hartz IV“ (2004) erwählt.

Ich möchte jetzt nicht schon im September 2012 vorgreifen, aber ich denke, dass das Wort des Jahres 2012 schon feststehen dürfte: „Schmähvideo“

Mit dem Wort des Jahres werden jene Wörter und Phrasen ausgezeichnet, die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt haben, die für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen. Welches Wort, wenn nicht „Schmähvideo“ passt in genau diese Ausschreibung? Das Wort war und ist in diesem Jahr wirklich in aller Munde. Im Umfeld der wütenden Ausschreitungen auf der ganzen Welt, bei der viele Menschen ums Leben kamen, wurde von dem mordenden Mob der Film “Innocence of Muslims” als Grund für die pogromartigen Amokläufe fanatischer Massen angegeben. Nun hätte man natürlich sofort diese Politik als das entarven können, was sie ist, nämlich eine unverschämte Sündenbockpolitik zur Legitimation der Lust am Bösen, aber nicht wenige Personen der Medien und der Politik übernahmen die Logik des Mobs und sprachen pausenlos von einem Schmähvideo. Nie wäre es ihnen in den Sinn gekommen, Putin einen Schmähpräsidenten oder die Titanic mit ihren Papsttitelbildern ein Schmähmagazin zu nennen, aber „Innocence of Muslims“ war sofort ein Schmähvideo.

Ich habe mir alle Minuten dieses Videos, die auf YouTube zu sehen sind, angeschaut und muss sagen, ich finde das Video erschreckend harmlos! Das Video ist handwerklich schlecht, keine Frage, aber warum allerorten von einem Schmähvideo die Rede ist, von dem sich sogar der Präsident des Landes mit der größtmöglichen freien Meinung öffentlich distanzieren muss, verstehe ich nicht. Jede, aber wirklich ausnahmslos jede Religion hat schon schlimmere Kritik einstecken müssen, ob im Internet, in Zeitungen, im Kino oder im Fernsehen. Das Video ist nichts weiter als eine Hexe, die die Fundamentalisten brauchen, um Scheiterhaufen und Botschaften zu entzünden! Die Medien und die Politik wiederum stimmen in das Geschrei des Mobs verängstigt ein und brüllen ebenfalls Hexe. Das ist die pure und reine Logik der Inquisition!

Der Begriff „Schmähvideo“ ist ohne Frage der beste Anwärter für das Wort des Jahres 2012 und vielleicht erleben wir ja sogar einen Doppelsieg, denn „Schmähvideo“ eignet sich ebenfalls wunderbar als Unwort des Jahres 2012.

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