„Allein unter Briten“

Als Tuvia Tenenbom in London das Theater der World Shakespeare Company besuchte, hatte er auf „Hamlet“ oder „Macbeth“ gehofft. Es wurde jedoch „Tartuffe“ gegeben. Allerdings war es nicht die Komödie von Molière, sondern eine moderne Bearbeitung des Stoffs von Anil Gupta und Richard Pinto. Tuvia Tenenbom schreibt darüber:

„Der Text ist superpolitischkorrekt. Ich sehe den Schauspielern zu und bekomme den Eindruck, dass keiner hier spielen will, sondern alle nur predigen wollen. Im Theater ist das eine Todsünde. (…) Das ist eine herbe Enttäuschung! Ich hatte allerbestes Theater erwartet und habe das Schlimmste bekommen. Von dem von mir so bewunderten englischen Theater ist nichts als ein Schatten übrig. Hier haben gescheiterte Künstler versucht, eine Kunstform, das Theater, in eine Ideologie zu gießen.“

Diese wunderbaren Worte finden sich in dem Buch „Allein unter Briten“ von Tuvia Tenenbom. Dem Autor selbst liegt das Predigen fern. Er ist jemand, der Fragen stellt und in seiner Art erinnert er an einen Narren aus einer Komödie von Shakespeare.

Tatsächlich erinnert ganz Großbritannien an eine Komödie, die Shakespeare nicht besser hätte schreiben können. Ich musste bei der Lektüre immer wieder an eine ganz besondere Komödie des englischen Dramatikers denken: „Der Kaufmann von Venedig“.

„Der Kaufmann von Venedig“ ist eine bitterböse Satire, in der Shakespeare Christen zeigt, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen christlichen Prinzipien zu leben, von Juden jedoch erwarten, genau diese Prinzipien zu leben. Die Juden werden zudem heftiger bestraft als Christen, wenn sie den christlichen Geboten nicht mehr folgen möchten oder können als die Christen selbst. In Shakespeares Venedig gilt: Christen dürfen ganze Menschen als Sklaven besitzen, aber Juden bekommen schon bei einem Pfund Menschenfleisch Probleme. Juden müssen die besseren Christen sein.

Das Vereinten Königreich, das Tuvia Tenenbom besucht, erinnert an genau dieses Venedig. Obwohl die Briten genug mit sich selbst zu tun haben sollten, finden sich überall Briten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das jüdische Land Israel dafür zu kritisieren, sich nicht christlicher zu verhalten als all die anderen christlichen Nationen.

In Nordirland zum Beispiel sieht Tuvia Tenenbom überall palästinensische Flaggen hängen. Als er in einem Pub fragt, was es mit all den Flaggen auf sich habe, erhält er als Antwort: „Weil wir die unterstützen.“ Ein anderer Mann erklärt warum: „Wegen der Scheißjuden.“ Ein anderer Mann führt aus, die Israelis seien „Abschaum“ und „bringen Kinder um, töten Babys“. Einer beklagt sich daraufhin, Hitler habe nicht genug Juden getötet und die anwesenden Männer stimmen zu.

Egal ob Tenenbom sich auf dem Fringe Festival in Edinburgh befindet, bei dem Vorsitzenden der Labour-Partei, Jeremy Corbyn oder am Loch Ness, er muss feststellen: „Irland, Nordirland, Schottland und jetzt England: Palästina ist allerorten. Haben diese Leute nichts anderes, worüber sie nachdenken könnten? Wie wär‘s mit dem Brexit, meine Lieben?“

Großbritannien befindet sich in einer schweren Identitätskrise. Was bedeutet es, Brite zu sein? War der Brexit richtig? Sollten Schottland, Wales oder Nordirland unabhängig werden? All diese Fragen spalten das auf Papier Vereinigte Königreich. In der Mitte des Buchs schreibt Tuvia Tenenbom: „Seit Wochen frage ich die Engländer, was an ihnen einzigartig ist.“

Eine zufriedenstellende Antwort erhält er nicht. Er findet jedoch heraus, dass er die schottische Spezialität haggis, neeps & tatties nicht mag und dass die Mehrheit der Briten Israel hasst. Überall im Königreich trifft er Menschen, die Israel behandeln wie der Jude Shylock in „Der Kaufmann von Venedig“ behandelt wird. Schauen wir uns daher das Stück von Shakespeare etwas genauer an und verlassen dafür kurz das Buch „Allein unter Briten“.

„Der Kaufmann von Venedig“ entstand in den letzten fünf Jahren des 16. Jahrhunderts, als Elisabeth I. Königin war. Interessanterweise war sie die Tochter von Heinrich VIII. und unter genau diesem König vollzog sich der erste große Brexit. Der Brexit des 21. Jahrhunderts war nämlich nicht der erste Brexit der Geschichte. Mit der Weigerung von Papst Clemens VII., die Ehe von König Heinrich VIII. für nichtig zu erklären, beschlossen die englischen Bischöfe im 16. Jahrhundert, die Autorität des Papstes im Königreich England nicht länger anzuerkennen. Am 11. Februar 1531 erklärten sie, dass ihr König nunmehr Oberhaupt der katholischen Kirche in England sei. Die Anglikanische Kirche war gegründet und der Brexit von der katholischen Union in Europa vollzogen.

Viele Menschen in England wussten damals nicht, ob dieser Brexit klug war und hatten Angst vor der Zukunft. Diese Ängste wurden geschürt, als vom europäischen Festland der Handel mit den abtrünnigen Engländer teilweise eingestellt wurde. Die Experten der katholischen europäischen Union sahen und hofften den wirtschaftlichen Niedergang der Insel nahen. Sie sollten Unrecht haben. Der Brexit von Heinrich VIII. förderte die Möglichkeit für die englische Krone, eines der mächtigsten Reiche der Menschheitsgeschichte zu schaffen, das Britische Weltreich ab 1583.

Als Shakespeare seine Stücke schrieb, war England noch keine Weltmacht. Es gab noch keinen englischen Einfluss auf Indien, Australien und Amerika. Königin Elisabeth I. zum Beispiel kannte Tee nicht! Tee kam aus den Regionen der Welt, mit denen England anfing zu handeln, nachdem sich Europa verschlossen hatte. Aber nicht nur Tee fand sich zu Shakespeares Zeiten nicht in England, ebensowenig gab es zu der Zeit in England Juden. Sie waren alle vertrieben.

Zurück zu dem Buch „Allein unter Briten“.

In dem Königreich zu Tenenboms Zeiten gibt es wieder Juden in England. Es gibt sogar jüdische Lords wie Lord Stone of Blackheath. Was er in dem Buch jedoch berichtet, macht wenig Mut:

„Ich trage immer eine Tasche bei mir. Darin sind mein Pass und Geld in siebenundzwanzig verschiedenen Währungen. Wenn ich morgen gehen müsste, würde ich es tun. Ich bin sechsundsiebzig und lebe seit sechsundsiebzig Jahren hier und bin Mitglied des House of Lords, aber trotzdem. Und deswegen habe ich in Jerusalem eine Wohnung.“

Auch Tuvia Tenenbom ist wenig hoffnungsvoll für die Insel. Auf den letzten Seiten seines Buchs schreibt er, er verlasse Großbritannien und werde wohl niemals wieder zurückkommen, weil es dort „zu viele Antisemiten“ gäbe.

„Allein unter Briten“ ist ein deprimierendes Buch. Dennoch macht es Freude, es zu lesen, weil Tuvia Tenenbom niemals seinen Humor verliert. In scheinbar nebensächlichen Episoden schreibt er über seine Liebe zum Theater, zur arabischen Kultur und zu gutem Essen. Es gibt zudem einige aufschlussreiche Theaterbesprechungen.

Vor allem aber gibt es wieder viele spannende Interviews, wie sie nur Tuvia Tenenbom führen kann. Er bringt Menschen dazu, die unglaublichsten und ehrlichsten Dinge zu sagen. Er ist eben ein echter Narr von shakespeare’scher Größe. Er spricht unter anderem mit dem Gründer der United Kingdom Independence Party, Nigel Farage und mit Hochwürden Dr. George J. Whyte von der Church of Scotland.

Und dann gibt es da noch eine Katze, eine Ratte und einen Adler. Aber ich möchte nicht zu viel verraten. Daher sei dieses Buch hier einfach nur wärmstens zur Lektüre empfohlen.

„Allein unter Briten“

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Pidder Lüng

Ein Gedicht von Detlev von Liliencron (1844-1909).

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch.
„Heut‘ fahr‘ ich selbst hinüber nach Sylt
Und hol‘ mir mit eig’ner Hand Zins und Gült
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen.
Und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav.“

Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
Stützt sich finster auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Steht Jürgen, der Priester, beflissen bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken:
„Der Obrigkeit helf ich, die Frevler packen.
In den Pfuhl das Wort:
Lewwer duad üs Slaav.“

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
Ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
Und es knirschen die Kiele auf den Sand
Und der Ritter, der Priester springen ans Land.
Und waffenrasselnd hinter den beiden
Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
„Nun gilt es, Friesen:
Lewwer duad üs Slaav.“

Die Knechte umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
Über die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
Sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
Lewwer duad üs Slaav.

Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn.
Der Priester will anheben seinen Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
Und verbeugt sich noch einmal: „Ihr erlaubt,
Dass wir euch stören bei euerm Essen?
Bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen!
Und euer Spruch ist ein Dreck:
Lewwer duad üs Slaav.“

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
„Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei
Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.
Zieh ab mit deinen Hungergesellen.
Hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn
Lewwer duad üs Slaav!“

„Bettelpack!“, fährt ihn der Amtmann an
Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann.
„Du frisst deinen Grünkohl nicht eher auf
Als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.“

Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken
Und verkriegt sich hinter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
Lewwer duad üs Slaav.

Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an.
Immer heftiger in Wut gerät der Tyrann
Und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
„Nun geh an deinen Trog, du Schwein.“
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
Zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
Dumpf dröhnts von drinnen
„Lewwer duad üs Slaav!“

Einen einzigen Sprung hat Pidder getan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran
Und taucht ihm den Kopf ein, und lässt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei.
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
Brüllt er, die Türen und Wände zittern,
Das stolze Wort:
„Lewwer duad üs Slaav!“

Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß.
Die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
Durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
Ruft noch einmal im Leben, im Sterben,
Sein Herrenwort:
„Lewwer duad üs Slaav!“

***
(TINDVL)

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Wenn es dann klatscht, ist es kein Applaus!

Am 16. April 2020 erklärte Ranga Yogeshwar bei Maybrit Illner, die zu dem Thema „Konsequent gegen Corona – können wir schon lockerlassen?“ geladen hatte:

„Quarantäne, Abstand, Masken – das sind Maßnahmen des Mittelalters. Wir leben 2020. Wir könnten intelligent und schnell sein.“

Ranga Yogeshwar hat recht. Wir könnten in unserem Kampf gegen das Virus durchaus moderner sein. Zu der Modernen gehören viele Errungenschaften der Aufklärung. Neben der Freiheit der Wissenschaft sei besonders die Emanzipation der Menschen genannt. Dazu gehört vor allem die Emanzipation der Frau.

Wir leben 2020. Wir könnten intelligent und schnell sein.

Es wird leider viel zu wenig darauf hingewiesen, dass mit der momentanen Schließungen der Schulen und Kitas gerade Frauen besonders belastet werden.

Es ist kaum zu glauben, aber noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts war es laut Bürgerlichem Gesetzbuch jedem Ehemann gestattet, das Arbeitsverhältnis seiner Ehefrau zu kündigen, wenn sie seiner Ansicht nach der Arbeit im Haushalt nicht ausreichend nachkam. Dieses Gesetz war Ausdruck einer Zeit, in der eine Person aufgrund ihres Geschlechts dazu gezwungen werden konnte, gewisse Arbeiten zu vollrichten. Männer hatten in den Krieg zu ziehen und Frauen hatten die Hausarbeit zu vollführen.

Diese Zeiten sind vorbei. In der modernen Welt sind alle Menschen frei und haben das Recht, nach ihrer Vorstellung von Glück zu streben. Diese Überzeugung hat uns in kurzer Zeit so intelligent und schnell gemacht, dass wir heute fliegen können und alle ein Weltwunder des Wissens und der Kommunikation in der Hand halten.

Gerade in der Corona-Krise hilft uns dieses Weltwunder in besonderer Weise. Dennoch fallen wir im momentanen Versuch, die Krise zu bewältigen, hier und da in alte Muster zurück. Dazu gehören all jene Methoden, die Frauen besonders belasten. Diese Diskriminierung sollten wir nicht hinnehmen.

Stattdessen sollten wir als Gemeinschaft jene Berufe besonders wertzuschätzen, die gerade jetzt in dieser Krise besonders wichtig sind. Neben der Informationstechnologie gehört dazu auch die Betreuung von Kindern, Alten und Kranken. Diese Pflegeberufe werden nach wie vor überwiegend von Frauen ausgeübt.

Die Pflege-Branche ist so wichtig wie die IT-Branche. Sie sollte auch so wertgeschätzt werden.

Sollte sich nicht spätestens nach der Corona-Krise die finanzielle Stellung der Pflege- und Betreuungsberufe verbessern, sollten wir uns nicht wundern, wenn das nächste Klatschen, das wir um 21 Uhr hören, kein Applaus ist.

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Ein zynisches Danke

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei den Bürgerinnen und Bürgern Deutschlands für die Einhaltung der Regeln zur Einschränkung der Corona-Pandemie bedankt: „Danke – von ganzem Herzen danke“, sagte sie in einem Audio-Podcast.

Zunächst einmal möchte ich darauf erwidern: „Gern geschehen.“

Es ist eine Frage des Anstands, einer Danksagung erst einmal Respekt entgegenzubringen, vor allem, wenn sie von Herzen kommt. Zudem halte ich mich an die Regeln und nehme es daher wohlwollend zur Kenntnis, dass meine Bundeskanzlerin mit ihrer Danksagung zeigt, dass die Einschnitte in meine und die Rechte aller Bürgerinnen und Bürger zu massiv sind, um ohne schlechtes Gewissen einfach so exekutiert zu werden. Unabhängig von der Notwendigkeit der einzelnen Regeln muss festgestellt werden, dass wir gerade die weitreichendsten Einschnitte in die Rechte der Menschen des westlichen Teils Deutschlands seit 1949 erleben.

Diese Einschränkungen werden in letzter Konsequenz mit Gewalt durchgesetzt, denn am logischen Ende jeder staatlichen Forderung befindet sich eine Waffe.

Daher halte ich die Danksagung von Angela Merkel für vergiftet und unangebracht. Wir Bürgerinnen und Bürgern sind schließlich verpflichtet, uns an die Regeln zu halten. Was soll da ein Danke? Wer sich nicht an die Regeln hält, wird bestraft. Es ist zynisch, sich bei jemandem dafür zu bedanken, dass er etwas tut, zu das man ihn zwingen würde, täte er es nicht.

Angela Merkel benimmt sich wie eine Mutti, die zu ihren unmündigen Kindern sagt, sie wünsche sich zu ihrem Geburtstag eigentlich nur, dass ihre Kinder schön brav sind.

Wer mir nicht die Möglichkeit gibt, „Nein“ zu sagen, soll mir nicht mit „Danke“ kommen.

Wir Bürgerinnen und Bürger sind nicht unmündig. Die Regierung ist nicht unsere Erziehungsberechtigte. Nicht wir haben brav zu sein, sondern die Regierung. Nicht die Regierung ist der Chef, sondern wir.

Uns werden keine Freiheitsrechte genommen, sondern wir gewähren unseren gewählten Vertreterinnen und Vertretern Einschränkungen in unsere Freiheitsrechte. Diese Unterscheidung ist wichtig, damit jene, die auch nur im geringsten daran denken, diese Gewährleistung zu missbrauchen, die vollste Kraft unseres Widerstands zu spüren bekommen.

Freiheit wird nicht gewährt. Der Mensch trägt die Freiheit in sich. Die menschliche Freiheit kann lediglich eingeschränkt werden und gerade wird die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger massiv eingeschränkt. Statt sich zu bedanken, wäre es besser gewesen, wenn die Bundeskanzlerin folgendes gesagt hätte:

„Verzeihung. Von ganzem Herzen bitte ich um Verzeihung, dass die Regierung diese Einschränkungen in Ihre Menschenrechte vornehmen musste.“

Dadurch hätte die Bundeskanzlerin gezeigt, dass unsere Freiheit kein Gnadenakt der Regierung ist, sondern ein Grundrecht. Grundrechte werden nicht durch Lockerung ermöglicht, sondern durch Maßnahmen eingeschränkt.

Mit einer Bitte um Vergebung hätte die Bundeskanzlerin allen Menschen gezeigt, dass die momentane Situation nicht akzeptabel, sondern höchstens notwendig ist. Selbst als Notwendigkeit bleibt die Aktion ein Versagen. Es hätte nie dazu kommen dürfen. Wenn in einem Land die Grundrechte außer Kraft gesetzt werden, so liegt diese Niederlage der Verfassung in der Verantwortung der Regierungschefin.

Es geht darum, wie man mit Niederlagen umgeht.

Auch die Notwendigkeit der temporären Abschaffung der Grundrechte ist eine Niederlage, die nicht ohne politische Konsequenzen erfolgen darf. Sonst sind die Werte der Verfassung nichts wert.

Mit einer Bitte um Vergebung würde die Bundeskanzlerin die Verantwortung für die Aussetzung gewisser Grundrechte übernehmen und die Möglichkeit lassen, die Bitte entweder anzunehmen oder auszuschlagen. Es gibt nämlich Dinge, die tut man einem anderen Menschen nicht an, ohne um Verzeihung zu bitten. Und es gibt Dinge, für die man die Verantwortung übernehmen muss, wenn man sie als Oberbefehlshaberin nicht verhindert konnte.

Bei allen Menschen, die die Bitte der Kanzlerin um Verzeihung angenommen hätten, hätte sie sich dann bedanken können. Diese Danksagung wäre dann ehrlich und angemessen gewesen.

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Frohe Ostern

Zusammen mit der Kölner Theaterkonferenz und der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker wünsche ich Frohe Ostern:

Hier das Gedicht in seiner ganzen Länge vorgetragen von mir:

Und hier meine Fahrt über die Dächer von Köln:

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Adam Schlesinger – An obituary

„You don’t know what you’ve got ‚till it’s gone!”

I had to think of this line from the song „Big Yellow Taxi“ by singer-songwriter Joni Mitchell when I heard about Adam Schlesinger’s untimely demise: „Don’t it always seem to go, that you don’t know what you’ve got ‘till it’s gone.“

When Mitchell’s song came out, Adam Schlesinger was only two years old. He probably heard the song for the first time somewhere in Manhattan, New York or Montclair, New Jersey, where he was raised. He too was to become an important songwriter.

In 1997 Schlesinger received an Oscar nomination for his song „That Thing You Do“, which he composed for the comedy of the same name by Tom Hanks. When Hanks heard about Schlesinger’s death, he said he was „terribly sad today“.

In 2003 Schlesinger received two Grammy nominations for the band „Fountains of Wayne“, in which he played the E-bass and wrote the most successful song of the group together with Chris Collingwood: „Stacy’s Mom“. In 2009 he received the Grammy in the category Best Comedy Album for „A Colbert Christmas: The Greatest Gift of All!“

He caused a sensation when he composed the opening number „It’s Not Just for Gays Anymore“ for the 65th presentation of the Tony Award. That evening it was performed by Neil Patrick Harris and became a hit on YouTube, where it was seen by millions in a short time. The song satirizes the genre musical in a wonderfully self-ironic way.

Schlesinger himself took part in many musicals and received two Tony nominations for the musical „Cry-Baby“. Before his death he was working on the musical „The Bedwetter“ based on the autobiography of comedian Sarah Silverman. When Silverman learned of his death, she summarized: „Adam was an amazing songwriter and composer, and one of the funniest people I know. His songs are funny and often – despite himself – surprisingly warm.“

In 2019, after having been nominated several times years before, he received an Emmy Award for the song „Antidepressants Are So Not a Big Deal“ from the TV musical series „Crazy Ex-Girlfriend“ with Rachel Bloom. Adam Schlesinger also worked on a musical based on the successful series „The Nanny“ with Fran Drescher.

Sarah Silverman, Fran Drescher and Rachel Bloom saw in Adam Schlesinger the best artistic partner in musically capturing all those things about which they related in such a refreshingly comedic way.

Schlesinger had an enormous musical sense of humor. Whether in major or minor key, each of his songs was imbued with a twinkling love for people and their weaknesses. He knew how to encourage those who heard his songs, despite their doubts and fears. His song „Gettin‘ Bi“, for example, has become a song with which many young people publicly stand by their sexual orientation.

I too have been singing his songs loudly in my car for years, when I go on holiday to the Dutch coast with my wife. Especially the song „End of the Movie“, in which he participated, we sing especially loud. Upon his premature death I would like to present a few quotes:

„Because life is a gradual series of revelations that occur over a period of time. It’s not some carefully crafted story. It’s a mess, and we’re all gonna die. If you saw a movie that was like real life, you’d be like, „What the hell was that movie about? It was really all over the place.“ Life doesn’t make narrative sense!“

Life doesn’t make a narrative sense, but life makes sense if it makes the lives of so many other people happier. Adam Schlesinger has made my life funnier, richer and easier to endure and I realize that right now that he is gone.

„You don’t know what you have ‘till it’s gone.“

On 1 April 2020, Adam Schlesinger died at the age of 52 after being infected with the Covid-19. He leaves behind two daughters and the many people he made happier.

***
(Translation: William Wires)

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Adam Schlesinger – Ein Nachruf

„You don’t know what you’ve got ‚till it’s gone!“

An diesen Satz aus dem Lied „Big Yellow Taxi“der Liedermacherin Joni Mitchell musste ich denken, als ich vom Tod Adam Schlesingers erfuhr: „Du weißt nicht, was du hast, bis es weg ist.“

Als das Lied von Mitchell herauskam, war Adam Schlesinger gerade mal zwei Jahre alt. Er wird das Lied vermutlich zum ersten Mal irgendwo in Manhattan, New York oder Montclair, New Jersey, gehört haben, wo er in einer säkularen jüdischen Familie groß wurde. Aus ihm sollte ebenfalls ein bedeutender Liedermacher werden.

Im Jahr 1997 erhielt Schlesinger eine Oscar-Nominierung für sein Lied „That Thing You Do“, das er für die gleichnamig Komödie von Tom Hanks komponierte. Als Hanks von dem Tod Schlesingers erfuhr, sagte er, er sei „schrecklich traurig heute“.

Im Jahr 2003 erhielt Schlesinger zwei Grammy-Nominierungen für die Band „Fountains of Wayne“, in der er den E-Bass spielte und zusammen mit Chris Collingwood das erfolgreichste Lied der Gruppe schrieb: „Stacy‘s Mom“. Im Jahr 2009 erhielt er den Grammy in der Kategorie Bestes Comedy-Album für „A Colbert Christmas: The Greatest Gift of All!“

Für eine Sensation sorgte er, als er für die 65. Verleihung des Tony-Awards die Eröffnungsnummer „It’s Not Just for Gays Anymore“ komponierte. An dem Abend wurde es von Neil Patrick Harris vorgetragen und zu einem Hit auf YouTube, wo es in kurzer Zeit mehrere Millionen Mal aufgerufen wurde. In dem Lied wird auf wunderbar selbstironische Art das Genre Musical persifliert.

Schlesinger selbst wirkte an vielen Musicals mit und erhielt zwei Tony-Nominierungen für das Musical „Cry-Baby“. Vor seinem Tod befand er sich in Arbeit an dem Musical „The Bedweter“ nach der Autobiografie der Komikerin Sarah Silverman. Als Silverman von seinem Tod erfuhr, erklärte sie: “Adam war ein erstaunlicher Liedermacher und Komponist und einer der lustigsten Menschen. Seine Lieder sind lustig und oft – trotz seiner selbst – erstaunlich herzlich.“

Im Jahr 2019 erhielt er, nachdem er Jahre davor bereits mehrfach nominierte worden war, einen Emmy-Award für das Lied „Antidepressants Are So Not a Big Deal“ aus der Fernseh-Musical-Serie „Crazy Ex-Girlfriend“ mit Rachel Bloom. Adam Schlesinger arbeitete ebenfalls an einem Musical nach der erfolgreichen Serie „The Nanny“ mit Fran Drescher.

Sarah Silverman, Fran Drescher und Rachel Bloom gehören zu den erfolgreichsten jüdischen Künstlerinnen und Komikerinnen der Vereinigten Staaten von Amerika. Alle drei Frauen sahen in Adam Schlesinger den besten Verbündeten, um all das in Musik zu fassen, worüber sie so herzerfrischend komisch erzählen konnten.

Schlesingers hatte einen enormen musikalischen Sinn für Humor. Ob in Dur oder in Moll, jedem seiner Lieder wohnte eine augenzwinkernde Liebe zu den Menschen und ihren Schwächen inne. Er verstand es, den Menschen, die seine Lieder hörten, trotzt ihrer Zweifel und Ängste immer wieder Mut zu machen. Sein Lied „Gettin‘ Bi“ zum Beispiel ist zu einem Lied geworden, das viele junge Menschen nutzen, um damit öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.

Auch ich singe seit Jahren immer wieder laut seine Lieder im Auto, wenn ich mit meiner Frau an die holländische Küste in Urlaub fahre. Besonders das Lied „End of the Movie“, an dem er mitwirkte, singen wir immer besonders laut. In Anbracht seines zu frühen Todes möchte ich ein paar Zeilen ins Deutsche übersetzen:

„Das Leben ist nur eine stetige Aneinanderreihung von Offenbarungen, die über einen gewissen Zeitraum geschehen. Es ist keine sorgfältig ausgearbeitete Geschichte. Es ist ein Chaos und wir werden alle sterben. Wenn Du einen Film siehst, der wie das echte Leben ist, wirst Du sagen: „Worum zum Teufel ging es in diesem Film?“ Das Leben ergibt keinen narrativen Sinn!“

Das Leben ergibt zwar keinen narrativen Sinn, aber ein Leben hat Sinn, wenn es das Leben so vieler anderer Menschen glücklicher macht. Adam Schlesinger hat mein Leben lustiger, reicher und leichter zu ertragen gemacht und das merke ich gerade jetzt, da er weg ist.

„Du weißt nicht, was du hast, bis es weg ist.“

Am 1. April 2020 starb Adam Schlesinger im Alter von 52 Jahre nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Er hinterlässt seine zwei Töchter und viele Menschen, die er glücklicher gemacht hat.

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Wozu sind wir bereit?

Welche Opfer sind wir bereit, in dieser Krise zu geben?
Welche Opfer erwarten wir von anderen?
Wozu sind wir bereit, andere zu zwingen?
Welche Mittel sind wir bereit, anzuwenden?
Wieviel Angst haben wir?

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Ein 1. April, der kein Scherz war

Am Samstag, 1. April 1933, begann um 10 Uhr der Boykott von jüdischen Geschäften. Überall in deutschen Städten standen uniformierte und teils auch bewaffnete SA-, HJ- und Stahlhelm-Posten vor jüdischen Geschäften, Banken, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden daran, diese zu betreten. Schilder, Plakate und Parolen forderten: „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden! – Die Juden sind unser Unglück! – Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!“

Auch heute noch ist diese Mentalität aktiv. Tapfer im Nirgendwo präsentiert daher ein paar Artikel zum aktuellen Judenboykott, der sich geschickt als Israelboykott tarnt.

In Israel sind Muslime und Juden Nachbarn. Sie lachen, leben, essen, weinen und streiten zusammen. Sie leben miteinander und teilen sich die selbe Heimat. Sie sind gemeinsam in Treue verbunden mit den Bäumen, Flüssen, Bergen, Meeren, Seen, Städten, Dörfern und Wüsten ihrer Heimat, die sie oft in ihre Gebete einschließen. Sie sind eine Familie! Manche sind entfernte Verwandte, andere wiederum frisch nah Vertraute. All diese Menschen werden von der weltweit agierenden Kampagne des Hasses BDS diskriminiert. Der Name BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“. BDS wendet sich gegen ganz Israel und kulturell gegen alles, was israelisch ist. Die Politik von BDS lässt sich auf diese Formeln bringen:

„Kauft nicht bei Israelis!“
„Israel ist unser Unglück!“
„Kein Dialog mit Israel!“

Mit einer Person, die man boykottiert und mit der man nicht redet, kann man keinen Frieden schließen. BDS will keinen Frieden! (BDS- Eine Kampagne des Hasses)

Warum boykottierst Du das Land, das mich leben lässt, wie ich bin und nicht viel mehr all die Länder, in denen ich verfolgt werde, weil ich so bin, wie ich bin? (Warum boykottierst Du Israel?)

In Bonn marschierten drei in weißen Schutzanzügen gekleidete Trupps in das Geschäft Galeria Kaufhof und nahmen dort die Produkte ganz genau unter die Lupe. In ihren Händen hielten sie Formulare auf denen zu lesen war: „Deutsche Zivilgesellschaft – Inspektion der Produkte israelischer Unternehmen“. Auf den Zetteln standen die Namen diverser israelischer Unternehmen mit Angabe der Herkunft und dem Barcode, sowie einer Spalte mit dem Vermerk „Verdacht“. In dieser Spalte galt es für die willigen Vollstrecker einzutragen, ob die Waren in dem Geschäft gefunden wurden. Die deutschen Zivilinspektoren gingen mit einer geradezu gespenstigen bürokratischen Genauigkeit vor. (Deutschlands willige Vollstecker)

Am 28. November 2015 liefen sechs in gespestigem Weiß gekleidete willige Vollstrecker über den Weihnachtsmarkt von Bremen auf der Suche nach jüdischen Produkten. Auf ihren Kostümen stand:

Inspektion
Kennzeichnungspflicht
von Waren aus den illegalen
israelischen Siedlungen

Der Weihnachtsmarkt in Bremen erinnert (wie alle Weihnachtsmärkte der Welt) an ein jüdisches Paar, das vor gut zweitausend Jahren einen Jungen in einer Krippe in Bethlehem zur Welt gebracht hat. Bethlehem wird heute von der sogenannten palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet. Heute wären Maria und Josef daher für viele Menschen nichts weiter als illegale jüdische Siedler, die dort nichts zu suchen haben und Jesus wäre ein illegaler Siedlerjunge und würde keine Sympathien bekommen. Die Vereinten Nationen würden vermutlich Resolutionen gegen Maria und Josef verhängen und deutsche Dichter würden Jesus kritisieren, weil es gesagt werden muss und man das ja wohl noch sagen darf! (Die willigen Vollstrecker von Bremen)

Jede Stadt, die eine Partnerstadt in Israel hat, jeder Veranstalter, der mit Israelis kooperiert und jeder Mensch, der mit israelischen Partnern zusammenarbeitet, muss einfach nur folgendes erklären: „Gerne nehmen wir Ihren Wunsch an und beenden jede Zusammenarbeit mit Ihnen. Sie wollen Israel boykottieren und wir sind durch Zusammenarbeit mit Israel ein Teil dessen, das sie boykottieren! Wir akzeptieren Ihren Wunsch, uns zu boykottieren und stellen Ihnen daher unsere Räume, Bühnen und Orte nicht zur Verfügung.“ (Eine Antwort auf BDS)

Liebe Emma,
Liebe Caryl,

das Stück, das das Habima Ensemble aus Tel Aviv in Israel Ende Mai beim Festival im Globe Theatre zeigen möchte und das Sie von der englischen Bühne vertreiben wollen, ist „Der Kaufmann von Venedig“ von William Shakespeare! Es ist ein Stück über einen Juden, der aus Venedig vertrieben wird, weil er nicht besser sein kann und will als alle Christen der Stadt. Sie wollen jetzt Juden von der Bühne des Globe Theatre vertreiben, weil das Land, aus dem sie kommen, nicht besser ist als alle anderen Länder auch. Gerade Menschen wie Sie sollten sich dieses Stück ansehen! (Die Vertreibung des Juden von der englischen Bühne)

Menschen, die vor einem McDonald’s Thesen über den Status von Hawai in ein Megaphon brüllen und dabei eine illegale Besatzung der Inselgruppe durch die Amerikaner anprangern, sind Spinner! Menschen, die vor einem chinesischen Restaurant lauthals „Freiheit für Tibet“ skandieren, sind Spinner! Menschen, die vor einem persischen Restaurant gegen den Iran demonstrieren und aufgrund der Politik im Iran zum Boykott des Restaurants aufrufen, sind Spinner! Selbiges gilt für alle Menschen, die glauben, vor jüdischen Restaurants oder Geschäften Politik gegen Israel betreiben zu müssen. Es sind Spinner!

Immer mal wieder wird zum Boykott Israels aufgerufen und dabei ein dämonisierendes Bild von dem Land gezeichnet. Stellen wir uns mal vor, Deutschland würde so behandelt wie Israel. Ein Boykottaufruf sähe wie folgt aus: Boykott Deutschland!

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Das Hass-Tattoo der Kirche

Stellen Sie sich einen Mann vor, der in seiner Jugend ein überzeugter Neo-Nazi war und sich in dieser Zeit einige Tätowierungen des Hasses auf seinen Körper gestochen lassen hat. In späteren Jahren erkennt dieser Mann allerdings, dass er in jungen Jahren absolut auf dem falschen Weg war. Er steigt daher aus der Neo-Nazi-Szene aus und gibt viel Geld aus, um die Beleidigungen von seinem Körper entfernen zu lassen.

Was würden Sie sagen, wenn der Mann trotz seiner Abkehr vom Hass weiterhin seine hasserfüllten und beleidigenden Tattoos behalten würde. Würde es Ihnen leicht fallen, diese Tattoos zu tolerieren? Würden Sie das Argument zählen lassen, der Mann wolle damit nur reumütig zu seiner hasserfüllten Vergangenheit stehen? Einige christliche Kirchen machen genau das.

Mache Kirchen in Europa zeigen immer noch sogenannte „Judensäue“. Das Bild der „Judensau“, das Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen soll, findet sich unter anderem als Schnitzarbeit im Chorgestühl des Erfurter Doms, aber auch in Stein gemeißelt an den Domen von Magdeburg, Regensburg und Uppsala, sowie an der Kathedrale von Metz, an St. Sebald in Nürnberg und an der Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg.

Im Kölner Dom findet sich eine „Judensau“ sowohl im für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Chorgestühls, als auch für jeden, der sich vom Rhein aus dem Kölner Dom nähert, gut sichtbar als Wasserspeier an der Spitze der Außenfassade des Chors.

Warum die „Judensau“ immer noch dort hängt, erklärt der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Prof. Jürgen Wilhelm, wie folgt: „Es geht darum, diese Darstellung im historischen Kontext zu erklären und zu problematisieren, dass Antijudaismus Teil der christlichen Kirche ist. (…) Bilderstürmerei ist keine Antwort.“

Der Vergleich mit der Bilderstürmerei ist schwerwiegend. War die Zerstörung von Nazisymbolen nach dem Zweiten Weltkrieg etwa auch Bilderstürmerei oder hätte man die Symbole erhalten lassen sollen, um die Nachwelt zu mahnen?

Natürlich darf die teilweise brutale Geschichte des Christentums nicht verleugnet werden, aber dafür muss die „Judensau“ nicht am Kölner Dom bleiben. Ein Museum ist ein weitaus geeigneter Ort für so eine Skulptur. Einige behaupten jedoch, der Kölner Dom sei auch ein Museum und darum könne die Skulptur auch dort verbleiben.

An einer Kirche, die kein Museum ist, sondern ein lebendiger Körper des Glaubens, an so einen Körper möchte ich keine Tattoos des Hasses sehen.

Wenn die Kirche keine Leiche ist, die man so beerdigt, wie man sie vorgefunden hat, sondern wenn sie lebendig ist, dann muss sie sich lösen von dem Hass, den sie einst verbreitet hat und die Dokumente des Hasses an einen separaten Ort geben, wo sich jede Person, die sich dafür interessiert, über die Geschichte des Christentums informieren kann.

Der Neo-Nazi, der seine Tätowierungen entfernt, weil er erkannt hat, dass sie falsch sind, leugnet damit auch nicht seine Vergangenheit. Mit der Entfernung macht er jedoch klar, dass er den Rest seines Lebens nicht damit verbringen will, judenfeindliche Beleidigungen in die Welt zu tragen.

Aber selbst wenn der ehemalige Neo-Nazi die Tattoos des Hasses nicht entfernt, was müsste man davon halten, wenn er die Tattoos restaurieren würde, damit sie erhalten bleiben? Spätestens dann würde ich wieder stutzig werden.

Umwelteinflüsse hätten manch eine „Judensau“ schon längst von so manch einer Kirche entfernt, aber einige Gemeinden wirken aktiv gegen die Verwitterung. Auch die „Judensau“ in Köln wurde restauriert. Mittlerweile sorgt sogar eine grüne Metallhalterung dafür, dass die „Judensau“ nicht vom Kölner Dom fallen kann. Wer sich soviel Mühe gibt, will, dass die Beleidigung erhalten bleibt. Wer trotzt vieler zum Teil natürlicher Einflüsse von außen, die diesem Hass schon längst ein Ende gesetzt hätte, den Hass aufrecht erhält, entscheidet sich bewusst dafür, dass die Beleidigung weiterhin artikuliert.

Die „Judenssau“ an der Außenfassade des Kölner Doms ist kein bloßes historisches Zeugnis mehr, sondern eine bewusste Aussage, die heute immer noch täglich durch die Entscheidung der Restaurierung getätigt wird. Eine restaurierte und mit einer neuen Halterung am Kölner Dom befestigte „Judensau“ ist kein Teil der Geschichte mehr, sondern ein in der Gegenwart durch eigene Anstrengungen unternommener Akt der Beleidigung.

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