Selbstachtung Fehlanzeige

Deutliche Worte von Simone Schermann nach den diversen Anschlägen auf jüdische Menschen und Einrichtungen der letzten Zeit.

Der Baden-Württembergische Antisemitismus-Beauftragte Michael Blume war am 14. Oktober 2019 zu Gast in der Katholischen Akademie Freiburg. Thema des Nachmittags: „Alter Wein in neuen Schläuchen“ – Antisemitismus und Islamphobie.

Ja, der Mann mit diesem Facebook-Like:

„Zionisten, Nazis und Radikale sollen sich schnell von meiner Freundschaftsliste verabschieden.“

Angetan, aus Versehen, wie er später erklärte, war Blume von dieser Aussage eines seiner ehemaligen Facebook-Freunde. Ein Mann, der notorisch hasserfüllte Verschwörungsphantasien zu Israel postet und die jüdische Nationalbewegung Theodor Herzls gleichgesetzt mit Nazis. Ich hatte ihn vor längerer Zeit auf Facebook geblockt. Nicht so Blume. Er brauchte etwas.

Dafür aber nannte Blume die pro-israelische Aktivistin Malca Goldstein-Wolf sehr schnell und sehr deutlich in einem Atemzug mit Adolf Eichmann, weil sie es gewagt hatte, seine Begeisterung mit dem Israel-hassenden Vereinen JUMA zu kritisieren.

Blume darf zwar selbst mit Kuwait Airways fliegen, wittert aber überall komödienhaft Antisemitismus, wenn man Stellung gegen ihn bezieht, wenn er mit muslimischen Antisemiten den Hass auf Juden bekämpfen will. Derselbe Mann, der nicht versteht, dass Antisemitismus Judenhass ist. Da es Judenhass ist, wenn man als Jude von deutschem Boden aus nicht Kuwait Airways fliegen kann. Der Beauftragte der Landesregierung der mit allem ihm gegebenen Handlungsspielraum durchsetzen will, dass Islamophobie und Judenhass zu einem Einheitsbrei verquirlt werden.

Blumes Kernaussagen sind: Antisemitismus betrifft uns alle – nicht nur Juden. Denn Angela Merkel und er selbst würden antisemitisch attackiert. Zudem sei das ultimativ Böse unserer Zeit die Freiheit von Internet, WhatsApp und Facebook.

Er beendet Vorträge gerne mit Bildchen aus dem Internet: Angela Merkel und die UNO! Beide wären antisemitischen Attacken ausgesetzt. Entsetzen im Publikum. Nein, kein Witz. Die UNO, die Israel in mehr Resolutionen verurteilt als alle anderen Länder zusammen. Die UNO, in der Deutschland sich den wahnwitzigsten, antisemitischsten und verschwörungshafttesten Resolutionen gegen Israel unterwirft. Warum er den Inhalt so einer UN-Resolution nicht als „Lacher“ zum Besten gab, bleibt sein Geheimnis. Gelacht wurde sehr viel bei dem Vortrag. Judenhass ist offenbar ein originelles und urkomisches Thema, selbst der Veranstalter lobte Blume für seinen heiteren Vortrag. Offenbar schien nur mich die Fäulnis seiner Witze zutiefst anzuekeln.

Dabei sind Blumes Lieblingsthemen Verschwörungstheorien aus den Untiefen des Internet, die er mit ungeniertem Dauergrinsen einem ergebenen Publikum kübelweise als Lacher zur freien Verkostung gibt. „Antisemitismus in neuen Schläuchen.“

Mehrfach kann er es nicht unterlassen, die Wichtigkeit seiner Tätigkeit zu betonen, er sei ja schließlich „ein Doktor“, wie ihm diverse „Antisemiten“ versicherten, ergo “müsse er ja den Zionismus als Weltverschwörung erkennen.“ Mit ein wenig Humor wird der schäbigste Judenhass zum Spaß. „Hoffentlich ist das kein Notfall“ lässt er uns wissen, als sein Handy piepst.

Ein Freund aus Israel schrieb auf Facebook folgendes: „Heute sind die Juden in Judäa und Samaria eine Provokation, gestern waren es die Juden in Europa und morgen werden sie`s an beiden Orten sein.“

Jüdische Klugheit und Vorahnung lassen die Wahrheit aus ihm sprechen.

So sollten auch vor allen anderen Juden auf dem Vortag Blumes auch erst einmal die in der JAfD dran sein.

Zuvor ein historischer Exkurs.

Februar 1941: Ben Gurion besucht die Volksoper in Tel Aviv – die Fledermaus von Johann Strauss. Die Operette begann mit Verspätung. Als Grund nannte der Direktor auf Nachfrage Ben Gurions, man warte auf einen prominenten Briten. Die Reaktion Ben Gurions spricht Bände: „Und ich habe mich geschämt“ sagte er. „Wieso spucken wir uns selbst ins Gesicht? Wenn wir so sind – warum ereifern wir uns dann, über Beleidigungen, die andere uns zufügen?“

Auf die verspätete Prominenz mit dem Beginn der Operette zu warten, weil der ein hochrangiger britischer Beamter war, hielt Ben Gurion für eine nationale Schande und Selbstdemütigung. Er sagte:
„Nur wenn wir Selbstachtung zeigen, wird man uns Achtung zollen.“

Eine Selbstdemütigung von Bedeutung wurde im Oktober 2019 in Freiburg geboten. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Freiburg, Irina Katz, stellte an Blume folgende Fragen: Sie wolle von ihm hören, ob die AfD geistiger Brandstifter der Tat in Halle sei und wie man mit den Juden in der AfD umgehen solle und mit Wolfgang Fuhl?

Man lasse sich einmal diese Frage auf der Zunge zergehen, fünf Tage nach Jom Kippur! Dem Tag, an dem Juden um die Vergebung ihrer Sünden beten – gläubige Männer tragen ihr weißes Totenhemd. Es ist der höchste Feiertag der Juden, bei dem sie sich mit ihren Verfehlungen an Gott wenden und ihr Flehen damit unterstützen, dass sie sich mit der rechten Hand leicht auf die linke Brustseite klopfen, wo das Herz ist. Sie beten auch um Vergebung der Sünde der üblen Nachrede.

Auch Herr Blume kam etwas zu spät, fand aber die Zeit, sich zu seiner tiefgehenden Freundschaft mit „Irina“ zu bekennen und dazu, dass er im Anschluss in der Sukka der Gemeinde Freiburg zumindest vorbeischaue. Soweit – so gut.

Auf die Frage, ob er seine Taten bereue, sagte Adolf Eichmann einst: „Mein Gewissen ist völlig rein“. Er habe niemanden getötet und „nur Anweisungen von oben befolgt“. Eichmann war ein deutscher Beamter par excellence, ein gewissenhafter Organisator und Massenmörder, der seinen Handlungsspielraum nutzte. So sagte er: „Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist gewesen.“

Siebzig Jahre nach dem Holocaust fordert nun die Vorsitzende einer Jüdischen Gemeinde einem mit ihr aufs engste befreundeten, deutschen Beamten vor versammelter Zuhörerschaft dazu auf, für den Umgang mit bestimmten Juden spezifische Verhaltensregeln zu benennen. Sie hielt ihn für den exakt richtigen Mann. Offenbar stellten sich dabei nur mir die Nackenhaare auf. Mit großer Scham dachte ich an die Worte Ben Gurions.

Theodor Herzl schreibt in seinem Artikel „Protestrabbiner“ vom 16. Juli 1897 eine Replik an die führenden Funktionärsjuden aus großen jüdischen Gemeinden in Deutschland. Diese hatten sich zusammengetan, um den bevorstehenden Ersten Zionistenkongress in Basel zu torpedieren und die zionistische Bewegung als solche zu verhindern. Nichts Geringeres als die Beschneidung der Meinungsfreiheit war hier das Ziel. Herzls Worte dröhnen uns heute entgegen:

„Aber dem Judentum angehören, das Judentum sozusagen berufsmäßig auszuüben und es gleichzeitig bekämpfen, das ist etwas, wogegen sich jedes rechtliche Gefühl auflehnen muss.“

Meine Fragen an Blume ging dahin, was er unternähme, damit der nicht vollendete Terrorakt auf die Synagoge in Berlin als islamischer Antisemitismus benannt wird und warum der muslimische Täter auf freiem Fuß ist? Was tun Sie konkret auch gegen den Antisemitismus aus anderen Parteien wie der SPD, CDU, Linke und Grüne, die beispielsweise die Verbreitung von antisemitischen Brunnenvergiftungslegenden von Mahmud Abbas im EU-Parlament mit teilweise stehendem Applaus honoriert haben oder das die Bundesregierung den Iran hofiert, der ständig Israels Vernichtung ankündigt?

Ich bekam auf meine Fragen keine Antwort. Niemand hakte nach.

Keine Kritik an Sigmar Gabriel, der Israel einen Apartheidstaat nennt und Mahmud Abbas seinen Freund. Dabei sind es genau solche Aussagen hochrangiger deutscher Politiker, die den Nährboden für Antisemitismus und Judenhass legen. Das ist die geistige Brandstiftung im Deutschland von heute, gestern und morgen. Und diese sind die Folgen: An dem Shabbat vor Yom Kippur 2019 stieg ein Mann über den Sicherheitszaun der Berliner Synagoge, in der Hand ein Kampfmesser mit einer zwanzig Zentimeter langen Klinge und rief: „Allahu Akbar“ und „Fuck Israel“. Nach einer kurzen Haftvorführung durfte er wieder gehen.

Beim Anstieg des Antisemitismus macht sich Blume mitschuldig, weil er mithilft, dass ein versuchtes Attentat eines Schutzsuchenden auf die Synagoge Berlin medial und politisch vertuscht wird. Weil er das Attentat von Halle aber nach Gusto erwähnt. Am liebsten in Verbindung mit der Verteuflung des Internets, denn „jeder ist online“ und der „Antisemitismus sei mit den neuen Medien wieder da, auch der Täter von Halle war im Internet.“

Blume wird zum geistigen Mitwisser, weil er seine parteilichen Vorträge dazu verwendet, sich an seinen Brotgeber anzubiedern. Wie beiläufig lässt er innerhalb eines biblischen Exkurses einfließen, dass „die Kinder Noahs noch nichts wussten vom Klimawandel – und trotzdem ist er schon da.“ Auch der Hass auf Greta darf nicht unerwähnt bleiben.

Eine beschämende Darbietung eines von Blasiertheit getriebenen Ideologen und Karrieristen, der mit dem Leid von Juden seine Laufbahn befeuert und dessen oberste Priorität es ist, die Politik der Bundesregierung schonungslos witzig zu vermarkten. Unerwähnt lässt er die hasserfüllten Texte der Rapper des von ihm unterstützten Vereins JUMA, die mit hübsch verpackten Euphemismen die Vernichtung des Staates Israel besingen.

Wenn nach dem Vortrag eines deutschen Beamten die Forderung artikuliert wird, für eine bestimmte Gruppe Juden, bestimmte Verhaltensregeln oder Umgangsformen zu nennen, stehen wir bereits vor dem Scherbenhaufen des Humanismus und der Meinungsfreiheit. Offenbar hatte man vor, hier und heute dem Recht auf freie Meinung einer politischen Gruppe von Juden das Licht auszublasen. Welche Ideale waren wohl hier am Werk? Und wann sind die anderen Juden dran?

Wessen Meinungsfreiheit geht es als nächstes an den Kragen? Wird man für Juden Regeln des Umgangs einfordern, wenn sie in den sozialen Medien zu Israel stehen? Oder wird sich Michael Blume gemeinsam mit Freunden und JUMA eine Vorgehensweise gegen sie überlegen? Vielleicht ein Verbot des Internets? Für wen gilt die Meinungsfreiheit in Deutschland und für wen nicht?

Schließlich hält Herr Blume JUMA für ein „Vorzeigeprojekt gelungener Integration.“ Faten El-Dabbas, eine der Protagonistinnen des Vereins, propagiert lediglich öffentlich die Befreiung Palästinas und noch lieber Verschwörungstheorien, wonach IS-Terroristen vom Mossad ausgebildet würden, um den Islam zu diskreditieren. Kein Aufschrei aus dem Publikum in Freiburg. Es sind wohl doch nicht alle online!

Am Abend des Attentates in Halle befand ich mich in der Synagoge Bonn während ein zum Töten bereiter Mann versucht hatte, sich den Zugang zur Synagoge in Halle freizuschießen. Als verstörend empfand ich den ungetrübten Fortgang der Feierlichkeiten zum Ausgang von Yom Kippur. Man tat, als wäre nichts geschehen, als müsse man die vertuschte Tat vor der Synagoge in Berlin hinnehmen. Ein geradezu makabres Szenario. Jemand sang Lieder. In meinem Kopfkino erinnerte mich dieses Trauerspiel an eine jüdische Version des Untergangs der Titanic, mit ausschließlich Juden an Bord. Eine Band spielt Weltuntergangsmelodien: jiddisches Klezmer, das liebt man in Deutschland ja so.

Warum lassen wir uns das gefallen? Warum sind wir nicht wutentbrannt auf den Straßen? Warum verbrennen wir nicht ein paar Fahnen, meinetwegen die iranische, die von Kuwait oder Katar. Lasst uns wütend sein wie die Antifa in Hamburg! Grund genug hätten wir.

Europa hat zugesehen und mitgemacht, beim Mord an sechs Millionen europäischen Juden. Wir hätten genug Recht auf Rache.

Warum fordert der Berliner Gemeinde keine Stellungnahme dazu, dass der Täter von Berlin einfach frei herumläuft? Warum stellen Juden nicht die Frage, wer dafür die politische Verantwortung trägt?

Aber nein, als brave Nathan-Juden, sind wir ewiges Opfer, denn wir sind Juden. Wir brauchen noch mehr Schutz, noch mehr Polizei, am besten elektrischen Stacheldraht, der unsere Getto-Gemeinden abschottet. Manchmal dürfen wir dann kurz heraus, um Angela Merkel einen schamlosen Dienst zu erweisen. Und dann bedanken wir uns dafür. Selbstachtung Fehlanzeige.

So eine Jüdin will ich nicht sein. Ich bin eine stolze Zionistin und Israelin und eine ebenso stolze deutsche Jüdin. Stolze Juden sind auch die aus Halle. Warum sonst tauchte die Kanzlerin am Abend des Attentats dort nicht auf? Stattdessen sah man sie in Berlin. Komisch. Verweigerten die stolzen Juden von Halle ihr den Dienst etwa? Quid pro quo.

So fordere ich die Bundesregierung auf, die Bewaffnung von Juden in Deutschland finanziell zu fördern. Wenn muslimische Attentäter auf freien Fuß gesetzt werden, möchte ich mich wehren können und dürfen. Das Totalversagen des Staates, seine Bürger zu schützen, ist nicht länger hinnehmbar. Daher verlange ich für Juden, die das wollen, ein staatlich finanziertes Schießtraining und ein juristisch abgesichertes Recht auf einen Waffenschein zum verantwortungsvollen Umgang mit der Waffe und somit das Recht auf Selbstverteidigung. Dann können wir Juden, Seite an Seite mit unseren Landsleuten, den Polizisten, als aufrechte Menschen unser Land und unser Recht auf Sicherheit selbst verteidigen.

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4 Antworten zu Selbstachtung Fehlanzeige

  1. none of the nones schreibt:

    Danke für den Artikel.

  2. So bitter und so wahr.

    S. auch:
    Wenn nicht einmal Juden Tacheles reden und falsche Freunde ehren…
    https://justpaste.it/34dws
    +
    Hass und Gewalt gegen Juden: Ein Medienspiegel
    https://justpaste.it/1y8tn

  3. Bernhard Kaiser schreibt:

    Noch was, JUMA wurde von Swasan Chebli gegründet, einer ausgesprochene Anti-Zionistin mit selbstverständlich palästinensischen Wurzeln …

  4. Paul Möllers schreibt:

    Faten El-Dabbas wurde übrigens auch in der Ebert-Stiftung gefeiert.

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