Keiner zitiert so wie Heiner

Schon im November 2010 hatte Heiner Geißler, der Schlichter von Stuttgart, gezeigt, wie gut er sich in der Kunst des Zitierens versteht. Damals hatte er den deutschen Philosophen Immanuel Kant zitiert – allerdings falsch!

Heiner Geißler behauptete damals, Aufklärung sei der Ausweg des Menschen aus seiner Unmündigkeit, die laut Kant „unverschuldet“ sei. Bei Immanuel Kant steht jedoch genau das Gegenteil, nämlich dass die Unmündigkeit „selbstverschuldet“ ist. Heiner Geißlers Kantzitat ist somit so korrekt, wie folgendes Jesuszitat: „Wer Dir auf die Wange schlägt, dem polier sowas von die Fresse, bis er nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist!“

Damals hat sich kaum jemand über das falsche Zitat aufgeregt. Heute jedoch ist die Aufregung groß, denn diesmal hat Heiner Geißler keinen deutschen Philosophen falsch, sondern einen deutschen Nazi mehr als korrekt zitiert.

Im verzweifelten Versuch der Schlichtung rund um Stuttgart 21, richtete sich Heiner Geißler an die Streitparteien und zitierte Joseph Goebbels:

„Wollt Ihr den totalen Krieg?“

Da es Heiner Geißler somit offenkundig eher gelingt, Nazis als Aufklärer zu zitieren, schlage ich ihm für den Verlauf der kommenden Schlichtung folgende Zitate vor:

Sollte es zu einem Kompromiss kommen, dann schlage ich folgendes Zitat vor:

„Jedem das Seine!“

Wenn die Bahn dann mit der Arbeit beginnt, wäre folgendes Zitat vielleicht angemessen:

„Arbeit macht frei!“

Mit diesem Zitat hatte schon Juliane Ziegler auf Pro7 ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht.

Sollte es dann irgendwann tatsächlich zu einer Eröffnung des neuen Bahnhofs kommen, so kann Heiner Geißler in seiner Rede selbstverständlich betonen, der heutige Tag sei für ihn ein

„Innerer Reichsparteitag“.

Mit diesem Zitat hatte bei der letzten WM ja auch Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF Bekanntschaft geschlossen.

Und am Ende seines Lebens wird Heiner Geißler vermutlich mit folgenden Worten von uns gehen:

„Sie haben mich immer als Propheten ausgelacht. Von denen, die damals lachten, lachen unzählige nicht mehr. Die jetzt noch lachen, werden in einiger Zeit vielleicht auch nicht mehr lachen.“

Aber von wem war das noch mal?

Gleich mal Heiner fragen!

***

Zum Abschluss hier noch ein paar Highlights aus einem wunderbaren Interview von Tobias Armbrüster mit Heiner Geißler. Das komplette Interview des Deutschlandfunks ist hier zu hören.

Armbrüster: Herr Geißler, seit Tagen wird auch über eine ganz andere Äußerung von Ihnen gesprochen, am Schluss der Gespräche am vergangenen Freitag haben Sie Joseph Goebbels zitiert und die Konfliktparteien gefragt: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Was war da Ihre Absicht?

Geißler: Mal klarzumachen, was los ist. Man kann doch nicht dauernd in Entweder-Oder-Kategorien denken, sondern es gibt auch das Denken Sowohl-Als-Auch. Es ist der Kompromiss, der …

Armbrüster: Aber verharmlosen Sie damit, Herr Geißler, verharmlosen Sie damit nicht …

Geißler: … hallo, hallo, hallo …

Armbrüster: … ja, ich höre?

Geißler: Ich kann Ihre Frage ja nicht verstehen, wenn Sie mir reinreden.

Armbrüster: Ich muss Sie das …

Geißler: … ich wollte doch gerade was erläutern …

Armbrüster: … ich muss Sie das gerade fragen: Verharmlosen Sie damit die Sprechweise der Nazis?

Geißler: Ach was, das ist keine Sprechweise der Nazis. Der totale Krieg, den gibt es auch anderswo, den haben wir zurzeit in Syrien.

Armbrüster: Aber die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg“ stammt von Joseph Goebbels.

Geißler: So? Da wissen Sie mehr als ich.

Armbrüster: Noch mal die Frage, war das Ihre Absicht?

Geißler: Was war meine Absicht?

Armbrüster: Die Sprechweise der Nazis zu verharmlosen?

Geißler: Ja, ich glaube, Sie sind wohl auf dem Mond zu Hause, mir zu unterstellen, ich wollte hier die Nazis verharmlosen!

Armbrüster: Was war dann Ihre Absicht?

Geißler: Also, so eine Unterstellung! Bitte?

(…)

Armbrüster: Ist das denn totaler Krieg, der da in Stuttgart droht?

Geißler: Der droht schon seit geraumer Zeit, er ist schon seit geraumer Zeit vorhanden, es hat über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung.

Armbrüster: Und das reicht …

Geißler: Ich verharmlose überhaupt nicht, ich glaube, Sie verharmlosen.

Armbrüster: Ich glaube, viele Leute fragen sich, ob man mit einer solchen Sprechweise die Situation nicht nur noch verschlimmert.

Geißler: Wer sind viele Leute, wer ist das?

Armbrüster: Zum Beispiel Hörer des Deutschlandfunks.

Geißler: Ach so. Das sind aber nicht viele Leute.

Armbrüster: Immerhin einige, glaube ich.

Geißler: Also, hören Sie mal, was ist das, machen Sie ein Interview mit mir oder was soll das?

Armbrüster: So war das verabredet, ja.

Geißler: Und läuft das jetzt live über den Sender?

Armbrüster: Ja, natürlich!

Geißler: Ja, das finde ich wunderbar! Ich glaube, Sie reden hier gar nicht über die Sache, sondern Sie reden über ein Zitat!

Armbrüster: Das Sie gebracht haben am vergangenen Freitag und über das sich viele Leute empören.

Geißler: Jetzt sagen Sie wieder, viele Leute!

Armbrüster: Herr Geißler, es steht heute Morgen auch in mehreren Zeitungen!

Geißler: Gut, okay. Also, ich kann das nicht alles lesen. Was glauben Sie, was jetzt einzelne Journalisten schreiben! Wenn ich das lesen würde, dann wäre ich auch nicht gescheiter!

Armbrüster: Herr Geißler, besten Dank für dieses Interview!

Geißler: Ja, bitte schön!

***

Es gibt Tage, da findet ein Journalist Gold und hier hat Tobias Armbrüster viel Gold gefunden. Sehr viel Gold. Glückwunsch!

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Der Verbündete

Der Massenmörder Anders Behring Breivik hat in seinem Manifest zur Verteidigung seiner Lust am Bösen eine Menge Menschen zitiert, unter anderem Immanuel Kant, John Stuart Mill, Adam Smith, Franz Kafka und Jesus. Sie alle haben die Menschheit mit ihren Gedanken bereichert und dadurch die Welt verbessert.

Keinem dieser Personen kann auch nur ansatzweise der Vorwurf gemacht werden, von dem Mörder zitiert worden sein. Sie alle hatten keinen Einfluss auf den Psychopathen und seinen Wahnvorstellungen. Nicht sie haben sich den Mörder zu ihrem Verbündeten gewählt, sondern wurden von dem Mörder selbst gegen ihren Willen und in einem gewaltsamen Akt der Vereinnahmung zu seinem Verbündeten gemacht.

Es sollte daher weniger von Interesse sein, wen sich Breivik zum Verbündeten gemacht hat, sondern vielmehr, wer sich Breivik zum Verbündeten macht.

Während die Vereinnahmung durch Breivik ohne eigenes Zutun geschah, ist die Wahl Breiviks als Argument und Untermauerung der eigenen Ideologie eine bewusste Entscheidung. Genau diese Entscheidung haben in den letzten Tagen viele gefällt. Allein die Liste derer, die den Mörder nutzen, um offene Rechnungen mit Henryk M. Broder zu begleichen, ist lang.

Henryk M. Broder nicht nur Publizist, Polemiker und Talk-Show-geprüfter Sit-Down-Comedian, sondern zudem noch als heterosexueller Jude polnischer Eltern ein ganz gewöhnlicher multikultureller Deutscher, der mit muslimischen Kolleginnen und Kollegen wie Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek und Seyran Ates für die Aufklärung, aber auch für das Recht der Muslime auf Moscheen in Deutschland streitet.

„Ich habe nichts gegen Moscheen und ich habe nichts gegen gleiche Rechte für Immigranten. Ich hätte in der Schweiz auch gegen das Minarett-Verbot gestimmt.“

Henryk M. Broder als Islamhasser und Rassisten zu bezeichnen, ist somit so angemessen, wie Uta Ranke-Heinemann eine Christenhasserin und Rassistin zu schimpfen, nur weil sie die Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche scharf kritisiert.

Weil aber nicht wenige Broder aus mir unerfindlichen Gründen diskreditieren wollen, sie in seinen Schriften jedoch nichts finden, das ihn als Rassisten oder Migrantenhasser überführen könnte, nutzen sie einfach die Tatsache, dass er in dem Manifest des Massenmörders indirekt zitiert wird, als Wunderwaffe gegen ihn.

Sie machen somit genau das, was der Massenmörder gemacht hat. So wie Breivik Christen wie Kant, Smith und Mill, sowie Juden wie Jesus, Kafka und Broder zu seinen Kronzeugen erklärt hat, so machen sie nun den Mörder Breivik zu ihren Kronzeugen.

Aber nicht nur im Kampf gegen Broder wird Breivik gezückt, sondern auch im Kampf gegen Thilo Sarrazin. Als in Fukushima im fernen Japan ein Atomkraftwerk explodierte, da forderten nicht wenige in Deutschland eine sofortige Stilllegung aller deutscher Kraftwerke. Jetzt, da ein Wahnsinniger einen Massenmord in Norwegen begangen hat, fordern nicht wenige und oftmals die selben die Stilllegung eines deutschen Buchautoren.

Aber genauso wie das Atomkratwerk in Fukushima selbst dann explodiert wäre, hätte es keine Kraftwerke mehr in Deutschland gegeben, genauso hätte Breivik auch dann gemordet, wäre Sarrazin Analphabet gewesen.

Es folgt daher nun eine kleine Auswahl von Autorinnen und Autoren, die sich Breivik zum Verbündeten und Kronzeugen erwählt haben:

Lamya Kaddor, der Vorsitzenden des Liberal-Islamischen Bundes schreibt: “Die Islamkritiker sind nicht schuld an der Tat, aber sie haben sie begünstigt. Sie diffamieren den Islam pauschal und schüren damit Ängste. Broder und Co. haben dafür gesorgt, dass die antimuslimische Stimmung gesellschaftsfähig wird. Breivik hat sich durch sie bestätigt gesehen. Damit sitzt Broder mit im Boot.”

In einem Leserbrief in der Badischen Zeitung steht: „Ich frage mich, wie weit haben rassistische Brandstifter oder Hassprediger wie Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin und die Springer-Presse schon die öffentliche Meinung beeinflusst? Die Medien scheinen in Deutschland auf dem rechten Auge blind zu sein. „

Christoph Giesa schreibt in The European: „Zu diesen besonders Verantwortlichen gehören neben Thilo Sarrazin auch prominente Vertreter der Euro- bzw. europakritischen Fraktion, aber auch Publizisten wie Hans-Olaf Henkel oder Henryk M. Broder, weil sie, ob gewollt oder ungewollt, zu Ikonen der neuen deutschen Rechten geworden sind.“

Claus Ludwig von der Partei DIE LINKE in Köln schreibt: „Wenn Breivik für geistesgestört und in die Psychiatrie eingewiesen wird, dann müssten konsequenterweise Sarrazin, Broder, die Macher von PI, die „Pro“-Leute, FPÖ-Politiker und viele andere den gleichen Weg antreten. Sie vertreten und befördern wahnhafte rassistische Vorstellungen.“

In der Frankfurter Rundschau schreibt Christian Bommarius: „Henryk M. Broder ist – neben Thilo Sarrazin – die lauteste Stimme der Islamophobie in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Der Antiislamismus als Ressentiment, wie er sich in der Mitte der deutschen Gesellschaft herausgebildet hat, ist nicht zum Geringsten Broders Verdienst.“

Sigmar Gabriel behauptet: „In einer Gesellschaft, in der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“

In der Süddeutschen Zeitung stand am 26.7.2011: „Viele Anti-Islamisten arbeiten aktiv in der Politik, engagieren sich in Europas populistischen Parteien… Zu ihren Stichwortgebern zählen Publizisten wie Henryk M. Broder, die zum Teil noch in den verhassten ‘Mainstream-Medien’ veröffentlichen…“

So klingt es also, wenn noch alte Rechnungen zu begleichen sind. Als in Japan ein Atomkraftwerk explodierte, da profitierten in Deutschland die Merkelkritiker. Jetzt wurde in Norwegen gemordet und die Broderkritiker schicken sich an, ihren Vorteil daraus zu ziehen.

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Schlimmer als Bush

Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen die USA angegriffen und einen Massenmord in New York, Pennsylvania und dem Pentagon begingen, da besuchte der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George Walker Bush, nicht nur Ground Zero, sondern wie selbstverständlich auch eine Moschee, um dort zu betonen, dass sich die USA nicht im Krieg mit dem Islam befände, sondern ausschließlich mit den Verantwortlichen des Anschlags, die seiner Meinung nach nichts mit der Religion des Islams zu tun hätten, da der Islam für Frieden und Mitgefühl stehe.

Obwohl der Islam, wie so ziemlich jede Religion Abrahams, nicht immer ganz auf der Linie der Aufklärung steht und sich besonders schwer tut in der Akzeptanz solch humanistischer und feministischer Errungenschaften wie der Gleichheit der Geschlechter und der Religions-, Meinungs- und Kunstfreiheit, hat George W. Bush sich geweigert, eine Religionskritik am Islam zu üben. Ihm war klar, dass es in diesem Moment auf die Wahrung des amerikanischen Glaubens an die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens innerhalb einer multikulturellen Gesellschaft ankam.

Das Recht auf eine kritische Auseinandersetzung mit Religionen gehört zum Fundament einer jeden freien Gesellschaft. Dies bedeutet aber nicht, dass es angemessen ist, jedes Ereignis zu nutzen, um von diesem Recht Gebrauch zu machen.

Manche religiöse Gebote stehen im klaren Widerspruch zu den Rechten, die von vielen Feministinnen und Humanisten erkämpft wurden. Das Bilderverbot im Islam und im Judentum, sowie das Tanzverbot im Christentum zu Karfreitag stehen im klaren Gegensatz zu der Kunstfreiheit; und was die Gleichheit der Geschlechter angeht, da hat sich bisher keine dieser Religionen einen Blumenstrauß verdient. Religionskritik ist wichtig, mag sie nun den Islam, das Christentum oder das Judentum betreffen, aber es gehört sich einfach nicht, dafür einen Anschlag wie den vom 11. September 2001 als Trumpf zu gebrauchen.

Ich brauche den Anschlag vom 11. September 2001 und das Schweigen und die Zustimmung vieler Muslime nicht, um zu erklären, was mir am Islam missfällt. Ich brauche auch nicht den Holocaust und das Schweigen und die Zustimmung vieler Christen, um zu erklären, was mir am Christentum nicht gefällt.

Der Gründer des Protestantismus Martin Luther war ein brutaler Judenhasser, der in seinem Pamphlet „Von den Juden und ihre Lügen“ die Zerstörung der Thora, das Niederbrennen von Synagogen und die Tötung von Juden empfiehlt. Auch der Koran sieht nur in der Vernichtung der Juden die Möglichkeit zum Frieden:

„Die Stunde wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich der Jude hinter dem Stein und dem Baum versteckt. Da sagt der Stein oder der Baum: O Muslim! O Diener Allahs! Dieser ist ein Jude hinter mir, so komm und töte ihn!“

Dies all kann ich kritisieren ohne die Anschläge und Pogrome für mich zu instrumentalisieren. Ich brauche diese Verbrechen auch nicht, um die Diskriminierung der Geschlechter innerhalb der Religionen kritisieren zu können. Der Glaube von der Unreinheit der Frau bei der Menstruation, der Glaube von der Unfähigkeit der Frau, Gott als Priesterin oder als Rabbinerin dienen zu können und die Überzeugung von der Notwendigkeit der Verschleierung der Frau gehören nicht zu meinen Überzeugungen und ich finde sie falsch, jenseits aller Taten durchgedrehter Fundamentalisten.

Ich bin froh, dass es in der Geschichte Menschen gab, die dieser religiösen Sexualfeindlichkeit den Kampf angesagt hatten. Ich bin froh darüber, dass Uta Ranke-Heinemann mit ihrem Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ das Christentum an den Pranger gestellt hat, genauso froh wie ich darüber bin, das Necla Kelek mit „Die fremde Braut“ und Seyran Ates mit „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ den Islam an den Pranger gestellt hat. Das bedeutet jedoch nicht, das Ates und Kelek islamfeindlich sind. Uta Ranke-Heinemann ist schließlich auch keine Antichristin! Sie kritisieren die Religion nur – und vollkommen zu Recht, wie ich finde. Es wäre somit absurd, Ates oder Kelek eine Mitschuld zu geben, zum Beispiel an den Massenmord des wahnsinnige Anders B. Breivik in Norwegen, aber genau das tut Ercan Tekin auf der Seite „Turkishpress“ unter der Überschrift „Wilders, Sarrazin, Broder – geistige Brandstifter?“:

„Wilders, Sarrazin und Broder mitsamt der Euterclique können Stolz darauf sein, diese Brut mit ihrer „Streitkultur“ aufgezogen und gehätschelt zu haben, die im Namen der Freiheit, der christlich-demokratischen Nächstenliebe, alle „Gutmenschen“, Linke, Liberale und Muslime die nicht mit dieser kranken Gedankenwelt d’accord sind, zur Zielscheibe manifestiert haben. Das was in Oslo passierte, ist einzig auf das Konto dieser angestoßenen „Schicksalsfrage“ zuzuschreiben, die durch Kleingeister genährt und in ihrer Überzeugung bestätigt wurden.“

Allein schon die sexistische Diffamierung von schreibenden Frauen als Euterclique beweist, dass der Autor dieser Zeilen einen vermutlich religiös begründeten Hass auf Frauen hegt; allerdings zeigt er damit auch, dass er seinem Hauptfeind Geert Wilders im Grunde doch sehr viel ähnlicher ist, als im lieb sein dürfte. Während Geert Wilders nämlich den Koran verbieten will, weil der Koran seiner Meinung nach Menschen zum Frauen-, Schwulen-, und Judenhass verführen könne (was nicht ganz abwegig ist), sieht Ercan Tekin in den Schriften von Henryk M. Broder, Seyran Ates und Necla Kelek einen Auslöser für den Massenmord in Norwegen (was vollkommener Humbug ist).

Die Tatsache, dass Henryk M. Broder in dem 1500 Seiten umfassenden Manifest des Massenmörders einmal zitiert wird, reicht für Ercan Tekin schon aus, um in Broder einen Mitschuldigen an der Tat zu finden. In dieser Logik müsste Tekin auch Immanuel Kant, John Stuart Mill, Adam Smith und Jesus für den Mord verantwortlich machen, denn all diese Menschen werden von dem Massenmörder in seinem irren Manifest zitiert.

Es ist vollkommen unangemessen, aus der Tatsache heraus, dass Autoren von dem Massenmörder zitiert werden, gleich eine Mitverantwortung der Autoren an diesen Verbrechen zu konstituieren. Es ist schon allein deshalb eine Frechheit, weil zum Beispiel Henryk M. Broder so ziemlich für all das steht, was Anders B. Breivik abgrundtief hasst. Henryk M. Broder hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er ein klarer Verfechter der Aufklärung ist und die Gleichberechtigung der Geschlechter und sexuellen Identitäten, sowie die Religions-, Meinungs- und Kunstfreiheit hoch hält. Das Recht von Muslimen, in Deutschland Moscheen zu bauen, ist für ihn so selbstverständlich wie das Recht von Angela Merkel, Kanzlerin zu sein und das Recht von Hella von Sinnen, die Tochter eines Bundespräsidenten zu heiraten. Das hindert ihn zwar nicht daran, manchmal derbe Witze zu machen, aber die Grundlage seines Schaffens ist für jeden, der lesen kann, unübersehbar die Überzeugung von der Überlegenheit der Prinzipien der Aufklärung mit ihrer Freiheit und der Liebe zu Vernunft.

Ercan Tekin weiß das, muss das wissen, wenn er die Werke von Broder wahrlich gelesen hat und genau deshalb braucht er auch eine andere Waffe, um den unliebsamen Broder nieder zu strecken. Weil er Henryk M. Broder nicht nachweisen kann, dass er so über Muslime schreibt, wie Martin Luther und Mohammed über Juden geschrieben haben, weil Broder eben offenkundig kein Hassprediger ist, braucht Tekin die Schützenhilfe eines Wahnsinnigen. Genau diesen Wahnsinnigen findet er in Anders B. Beivik. Mit seinem Vorwurf, Broder wäre im Grunde für Beiviks Verbrechen mitverantwortlich, macht sich Tekin Beivik zum Verbündeten.

Ercan Tekin erklärt Anders B. Beivik zu seinem Verbündeten im Kampf gegen seine politischen Gegner und genau das macht ihn ideologisch deutlich schlimmer als George W. Bush.

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Das Feindbild der Terroristen

Wenn ich mir die großen terroristischen Anschläge der letzten Jahre anschaue, so stelle ich fest, dass die Terroristen alle durch ein gemeinsames Feindbild geeint sind. Sie alle hassen die Moderne mit ihrer Religionsfreiheit, ihrer Gleichheit der Geschlechter und dem Glauben an die Möglichkeit eines friedlichen multikulturellen Zusammenlebens.

Das Feindbild Multikulturalimus ist im Grunde nichts weiter als eine Variante des alten Anti-Amerikanismus, denn wenn es ein Land gibt, in dem Multikulturalismus gelebt und vor allem verteidigt wird, trotz der vielen Probleme, die das Zusammenleben unterschiedlicher Lebensentwürfe und kultureller Eigenschaften zwangsläufig mit sich bringt, so ist es die USA. In keinem anderen Land der Welt leben so viele Kulturen zusammen wie in den USA. Wer behauptet, Multikulturalismus sei gescheitert, der erklärt damit die USA zu einem failed state.

Die USA hat niemals aufgehört, an die Möglichkeit des friedlichen multikulturellen Zusammenlebens zu glauben. Nach dem 11. September 2001 war es der Präsident selbst, der keine Gelegenheit ausließ, um zu betonen, dass sich die USA nicht im Krieg mit dem Islam befindet. George W. Bush erklärte stets, dass der Islam eine Religion des Friedens sei und dass der terroristische Anschlag auf das World Trade Center und dem Pentagon die Grundfesten des Islams erschüttert. Der Präsident ließ keinen Zweifel daran aufgekommen, dass die USA, die für Muslime ebenso eine Heimat ist wie für alle anderen Religionen, nicht im Krieg mit einer Religion ist, sondern mit Terroristen vom Schlage der Al-Qaida. Schon einige Tage nach dem 11. September 2001 hielt er eine Rede in einer Moschee und übte so unmißverständlich den Schulterschluss mit den amerikanischen Moslems.

Als einige Jahre später die Idee aufkam, eine Moschee in der Nähe von Ground Zero zu errichten, da war es ebenfalls der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, in diesem Fall jedoch Barack Hussein Obama, der sich mit Blick auf die Religionsfreiheit für das Recht der Muslime aussprach, dort eine Moschee zu errichten, wo sie es für richtig hielten. Allerdings ließ er auch durchblicken, dass er die Bedenken der Mehrheit der Amerikaner und Amerikanerinnen verstehen könne. Das ist typischer Multikulturalismus! Wo verschiedene Kulturen zusammenleben, da wird das Gespräch und der Dialog zur Pflicht und wo gesprochen wird, da ist auch der Streit nicht weit. Multikulturalismus fordert daher den Mut zum Streit. Nur wer sich respektiert kann streiten. Diesen Respekt lassen die Feinde des Multikulturalismus jedoch vermissen.

Zu genau dieses Feinden zählt auch der Massenmörder Anders B. Behring aus Norwegen. So wie fundamentalistische Islamisten dem Multikulturalismus den Krieg erklären, indem sie behaupten, die Welt könne nur friedlich werden, wenn sich alle Menschen zum Islam bekennen, so hat auch Anders Behring dem Multikulturalismus den Krieg erklärt und beruft sich dabei auf seine verschrobenen Interpretationen des Christentums und Immanuel Kants. Allerdings gibt es bisher keine Christen und kein Kantianer, die öffentlich auf den Straßen tanzen und den Anschlag des Wahnsinnigen bejubeln.

Das Feindbild Multikulturalismus eint Anders Behrings und Al-Qaida in ihrem Hass und es wundert daher nicht, dass sich die Anschläge der Beiden so ähneln.

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Chefbefragung

Was macht ein Chef mit einem Angestellten, der statt seine Arbeit zu vollrichten, immer wieder angekrochen kommt, um Rat und Unterstützung zu erfragen?

Wenn der Angestellte den Betrieb mit seiner Inkompetenz aufhält, wird er den Nichtsnutz ganz einfach feuern!

In der Politik wird das Fragen des Chefs Volksentscheid oder Volksabstimmung genannt. Damit stellen die Politikerinnen und Politiker jedoch nur ihre eigene Inkompetenz zur Schau.

In einer Demokratie ist das Volk der Chef. In dem Berliner Gebäude, in dem sich regelmäßig der Bundestag trifft, geht der Chef, wie es sich gehört, durch den Haupteingang, an dem sein Name steht: “Dem Deutschen Volke”.

Das Personal jedoch nimmt den Hintereingang. Die Mitglieder des Bundestags betreten das Gebäude von hinten. Ihr Arbeitsvertrag läuft für gewöhnlich über einen Zeitraum von vier Jahren und kann unter bestimmten Umständen vorzeitig aufgelöst oder verlängert werden.

Als Chef fühle ich mich von der Volksabstimmung verarscht. Ich bezahle schließlich auch keine Putzhilfe dafür, dass ich ihr etwas vorputze. Ich sehe es schon kommen, bald wird auch die von mir ausgesuchte Ärztin darauf bestehen, alle Operationen ohne Narkose durchzuführen, damit sie mich jedesmal fragen kann, wo genau sie den Schnitt ansetzen soll, so ganz patientennah natürlich. Vielleicht fragt dann auch bald der erste Richter: “Nun sagen sie mal ganz ehrlich, was haben Sie denn nun Ihrer Meinung nach wohl dafür verdient?”

Wenn mit Bürgernähe gemeint ist, dass das Personal ständig im Chefzimmer herumlungert, weil es nichts mehr auf die Reihe bekommt, dann kann ich auf diese Bürgernähe mehr als gut verzichten und rufe den politischen Arbeitsverweigerern energisch entgegen:

“Jetzt geht endlich an die Arbeit und macht, wofür Ihr bezahlt werdet!”

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Was ist eigentlich aus der Lebensmittelampel geworden?

Am 6. Juli 2011 hat das EU-Parlament beschlossen, dass Lebensmittelhersteller eine Nährwertkennzeichnung verpflichtend umsetzen müssen. In Zukunft müssen alle Lebensmittel- und Getränkeverpackungen Angaben zum Brennwert, Zucker-, Eiweiß-, Fett- (hierbei auch die gesättigten Fettsäuren) und Salzgehalt auf der Rückseite tragen. Allerdings hatte sich das EU-Parlament einen halben Monat vorher auch ausdrücklich gegen die Einführung einer verpflichtenden Ampel-Kennzeichnung ausgesprochen.

Ich muss gestehen, ich bin ein wenig enttäuscht über diese Entscheidung. Ich war von der ersten Minute an ein entschiedener Verfechter der Ampel-Kennzeichnung. Sie hätte alles so schön einfach gemacht. Ich hätte nur auf die Verpackung schauen müssen, um zu wissen, wofür ich mein Geld ausgebe:

Rot bedeutet lecker!

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Wer braucht schon Vokale?

Vokal sind überbewertet. Die Tschechische Sprache beweist, dass es auch ohne geht:

Strč prst skrz krk!
(Steck den Finger durch den Hals!)

Man muss es den Tschechen schon lassen, was sie an Vokalen vermissen lassen, machen sie durch eine poetische Bedeutung ihrer Sätze wieder wett. Wer kann schon dem Inhalt dieses Satzes widerstehen:

Chrt pln skvrn zhltl hrst zrn.
(Der Windhund voll von Flecken hat eine Handvoll Getreide verzehrt.)

Manchmal dringt der Windhund voll von Flecken auch durch einen Büschel von Kornblumen in das Viertel Krč ein. Auf Tschechisch heißt das dann:

Chrt pln skvrn vtrhl skrz trs chrp v čtvrť Krč.

In Tschechien haben jedoch nicht nur Windhunde manchmal Flecken, sondern auch Pilze. Wenn diese Pilze dann auch noch durch Nebel feucht werden, dann sagte der Tscheche:

Smrž pln skvrn zvlhl z mlh.

Ungeschlagen in der Bedeutung ist jedoch dieser Satz:

Plch zdrhl skrz drn, prv zhltl hrst zrn.
(Die Schlafmaus ist durch den Erdklumpen abgehauen, davor hat sie eine Handvoll Getreide verschlungen.)

Ach, man muss die tschechische Sprache einfach lieben und es verwundert nicht, dass sich diese Sprache auch noch wundervoll zum Singen eignet, wie die tschechische Sängerin Helena Vondráčková beweißt.

 

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Ohne Zesen nichts gewesen!

Kaum ein Mensch hat der deutschen Sprache mehr Wörter geschenkt als Philipp von Zesen.

Im 17. Jahrhundert erfand er zahlreiche Verdeutschungen, die Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben. Heute benutzen alle Menschen, die deutsch sprechen, seine Wortschöpfungen, ohne zu Wissen, dass das copyright, ich meine natürlich das Urheberrecht, bei Phillip von Zesen liegt, zum Beispiel:

Ableitung (für das Fremdwort Derivation),
Abstand (Distanz),
Angelpunkt (Pol),
Anschrift (Adresse),
Augenblick (Moment),
Ausflug
(Exkursion),
Besprechung (Rezension),
Bücherei (Bibliothek),
Emporkömmling
(Parvenü),
Entwurf (Projekt),
Farbgebung (Kolorit),
Freistaat (Republik),
Glaubensbekenntnis
(Credo),
Gotteshaus (Tempel),
Grundstein (Fundament),
Kreislauf
(Zirkulation),
Leidenschaft
(Passion),
Letzter Wille (Testament),
Mundart (Dialekt),
Nachruf (Nekrolog),
Rechtschreibung (Orthographie),
Sterblichkeit (Mortalität),
Verfasser (Autor),
Vollmacht
(Plenipotenz),
Wahlspruch (Devise),
Weltall (Universum).

All diese Wörter sprechen wir nur dank Phillip von Zesen. Allerdings gibt es auch Erfindungen von Zesen, die es nicht in unseren aktiven Wortschatz geschafft haben. Tapfer im Nirgendwo präsentiert, ich meine stellt nun eine kleine Auswahl dieser Wörter vor und lädt alle Leserinnen und Leser ein zu raten, für welches Fremdwort es das deutsche Pendant, ich meine Gegenstück, sein könnte. Einfach auf das Wort klicken, ich meine drücken und schon öffnet sich die Lösung.

Beistrich,
Blitzfeuererregung
,
Blutzeuge,
Dörrleiche,
Entgliederer,
Erzvater,
Gesichtskreis,
Gottestum
,
Jungfernzwinger,
Kirchentisch,
Krautbeschreiber
,
Leuthold,
Lotterbett
,
Lusthöhle
,
Lustkind,
Meuchelpuffer,
Spitzgebäude,
Spottnachbildung,
Tageleuchter,
Weiberhof,
Zeugemutter
.

Ich muss gestehen, am meisten gefällt mir das Wort Meuchelpuffer. Ich werde es in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen. Aber auch andere Personen haben die deutsche Sprache mit ihren Verdeutschungen bereichert, zum Beispiel der Schriftsteller und Pädagoge Joachim Heinrich Campe.

Ihm verdanken wir folgende Wörter:

altertümlich (antik),
Erdgeschoss
(Parterre),
Esslust
(Appetit),
Feingefühl
(Takt),
fortschrittlich
(progressiv),
herkömmlich
(konventionell),
Hochschule
(Universität),
Lehrgang
(Kursus),
Randbemerkung
(Glosse),
Stelldichein
(Rendezvous),
Streitgespräch
(Debatte),
tatsächlich
(faktisch),
Voraussage
(Prophezeiung),
Wust
(Chaos)
Zerrbild
(Karikatur).

Campe erfand jedoch auch Wörter, die es nicht in unseren Sprachgebrauch geschafft haben, zum Beispiel diese:

Freigläubiger,
Zwangsgläubiger
,
Heiltümelei
,
Menschenschlachter
.

Die Wörter: Aufmerksamkeit, Bedeutung, Bewußtsein, Grundlage und den in der deutschen Philosophie nicht mehr wegzudenkenden Begriff an sich verdanken wir Philosophen Christan Wolff.

Dem Generalpostdirektor Heinrich von Stephan verdanken wir folgende Wörter:

postlagernd (poste restante)
freimachen (frankieren)
Fernsprecher (Telefon)

Erst jüngst habe ich erfahren, dass der Duden mittlerweile das Wort Rudelgucken für den Begriff public viewing führt. Ich habe keine Ahnung, wer für dieses Wort verantwortlich ist, aber es ist im Grunde keine schlechte Idee, wenn man bedenkt, dass public viewing in den USA nicht das gemeinsame Anschauen von auf Großbildschirmen übertragenen Veranstaltungen bezeichnet, sondern dort Leichenschau bedeutet.

Rudelgucken klingt auch viel schöner und vor allem lustiger. Ach, ich glaube ich erfinde jetzt einfach mal ein paar Verdeutschungen und lade alle Leserinnen und Leser ein, es mir gleich zu tun. Nutzt einfach die Kommentarspalte und postet, ich meine schreibt, mir Eure Vorschläge für schöne und wenn möglich lustige Verdeutschungen von Fremdwörtern.

Der Erste, der Theodor W. Adorno zitiert, bekommt die Goldene Minima Moralia am Bande verliehen!

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Die Burka des Westens

Manchmal frage ich mich, warum so viele Menschen im Westen die Burka des Islams kritisieren können, obwohl im Westen selbst immer mehr Leute eine Burka tragen.


(aus: „Burka „von Eva Schwingenheuer, mit freundlicher Genehmigung der Zeichnerin)

Die Burka des Westens ist allerdings kein großer Fetzen Stoff, der den kompletten menschlichen Körper verschleiert und dafür sorgt, dass das Antlitz des Menschen verborgen wird, in dem laut Levinas Gott erfahrbar ist, sondern eine Geisteshaltung, die durch Relativismus und Beliebigkeit die eigene Überzeugung verschleiert.

Es ist ein Zeichen des Respekts, dem Anderen sein Gesicht zu zeigen, deutlich zu machen, wofür und vor allem wo man steht. Wer sich ständig weigert, Stellung zu beziehen, der nimmt seinem Gegenüber die Möglichkeit des Gesprächs und der Auseinandersetzung und opfert dadurch den Dialog für eine Kakophonie der Monologe, bei der niemand mehr zuhören kann und letztendlich nur der  gewinnt, der am lautesten schreit.

Wenn sich Menschen des Westens nicht mehr dazu aufraffen können, zu ihren Werten zu stehen, wenn sie davon überzeugt sind, dass es manchmal besser sein könnte, eine Burka über die Gleichberechtigung der Geschlechter, Religionen, Hautfarben und sexuellen Orientierungen zu legen, weil sie befürchten, ihr Gegenüber könnte von dem Gesicht der Freiheit verführt werden und sich am Ende sogar in die Aufklärung verlieben, dann verlieren sie nicht nur den Glauben an sich selbst, sondern auch den Respekt vor ihrem Gegenüber, der darin besteht, dem Anderen jenseits seiner Kultur und Erziehung die Fähigkeit zu unterstellen, den Blick auf das Gesicht der Freiheit und der Gleichberechtigung zu ertragen.

Wer glaubt, es gäbe Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft und Biologie nicht in der Lage seien, die Moderne zu ertragen, ist ein Rassist! Jeder Mensch kann das Antlitz des Westens ertragen. Wer jedoch glaubt, man müsse manchmal eine Burka darüber werfen, um Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht zu verstören oder zu verführen, reduziert mit dieser falschverstandenen Nachsichtigkeit sein Gegenüber auf ein hilfbedürftiges Wesen, das nicht in der Lage ist, selbst zu entscheiden, ob er das Gesicht nun schön finden möchte oder nicht.

Wovor haben diese Menschen eigentlich Angst? Wäre es nicht wunderschön,  jeder Mensch zeigte sein Gesich, damit jeder selbst entscheiden kann, welche Lippen er küssen möchte? Und wäre es letztendlich wirklich so schlimm, wenn der Westen sogar den Schönheitswettbwerb der Werte gewinnen würde, trotz manch einer Narbe?

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Warum nicht vergasen?

Diese Frage darf man sich in Deutschland wieder ungestraft stellen, wenn man ein Problem mit Juden hat. Man muss nur dafür sorgen, dass durch den Aufruf zum Mord an Juden der öffentliche Friede nicht gestört wird.

In Stuttgart hatte jüngst ein Bürger Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt, weil er im Internet auf folgenden Eintrag gestoßen war: „Die gehören alle VERGAST! Hitler hat damals nichts Falsches gemacht! Nur mit den falschen MITTELN! …“

§ 130 StGB sagt dazu: „Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.“

Die Staatsanwaltschaft wies die Anzeige des Bürgers mit der Begründung zurück, es bestehe „kein hinreichender Tatbestand der Volksverhetzung nach §130 Abs. 3 StGB“. Eine „konkrete Gefährdung des öffentlichen Friedens“ sei „nicht feststellbar“, denn: „Der verständige Leser, so er Internetforen und Pinnboards überhaupt besucht und derartige Einträge zu lesen sich zumutet, wird derartige Einträge auch so verstehen“, nämlich als „Entäußerung des eigenen Unmuts und die Entsorgung der eigenen Gedanken.“

Als Entsorgung der eigenen Gedanken ist der Ruf nach Judenvergasung also akzeptabel. Dann braucht man sich wohl auch keine Gedanken mehr über den widerlichen Judenhass im Internet zu machen. Auf Facebook gibt es zum Beispiel öffentliche Aufrufe wie diese: „Juden und Moskitos sind eine Plage, von der sich die Menschheit auf die eine oder andere Weise befreien muß. Ich glaube, das beste wäre Gas“

Kein Problem! Es ist nur die Entsorgung eines eigenen Gedankens. Wenn jemand brüllt, „ADOLF HITLER DER MANN HATT ALLES RICHTIG GEMACHT EINZIG FALSCHE WAR DASS PAAR VERFICKTEN JUDEN ÜBERLEBT HABEN !!!! HITLER <3″, dann ist das auch nur eine gedankliche Entsorgung und kein Grund zur Beunruhigung. Alles im grünen Bereich! Der öffentliche Friede ist nicht gestört.

Warum sollte auch der öffentliche Friede in Deutschland gestört sein, wenn Juden beleidigt und zu ihrer Ermordung aufgerufen wird? Wer stört sich denn schon daran? Wenn es etwas gibt, dass den öffentlichen Frieden in Deutschland stört, dann das öffentliche Zeigen einer israelischen Fahne! Jawohl!

In Duisburg wurde jüngst unter massiver Polizeigewalt eine Israelfahne entfernt, weil sie den öffentlichen Frieden störte; auch in Berlin wurde die Polizei gegen eine Israelfahne aktiv. In Bochum musste sogar eine Frau Strafe zahlen, weil sie eine israelische Fahne öffentlich gezeigt hatte.  Das stört in Deutschland den öffentlichen Frieden!

Wenn in Wuppertal gegen Israel gehetzt wird, dann sieht der Bürgermeister der Stadt darin eine legitime Ausübung der Meinungsfreiheit, aber wenn in Essen ein Vortrag über Judenhass im Islam stattfindet, dann sieht der Bürgermeister der Stadt darin eine Beleidigung. Ja, richtig gelesen: Als in der Alten Synagoge in Essen im Rahmen der dort stattfindenden „Donnerstagsgespräche“ der Antisemitismus im Islam thematisiert werden sollte, da sah der Chef des Integrationsbeirats, Muhammet Balaban, darin eine Herabsetzung des Islams und bekam Unterstützung vom Oberbürgermeister Reinhard Paß, der forderte „dass die neue Leitung der Alten Synagoge sich den Integrationsgedanken deutlich mehr zu eigen macht als dies bisher der Fall war.“

Wenn in Wuppertal also über die Endlösung nachgedacht wird, wie es in der Ankündigung der Palästinenserkonferenz hieß, dann sieht ein deutscher Bürgermeister das voll und ganz von dem Recht auf freie Meinung geschützt, wenn aber in Essen über den Judenhass im Islam nachgedacht wird, dann ist das für einen deutschen Bürgermeister grenzwertig.

Das ist nichts anders als eine deutsche Sonderbehandlung von Juden! Der Jude hat in Deutschland ein Nathan der Weise zu sein, ein aufgeklärter, guter Jude, der jenseits aller menschlichen Eigenarten und Schwächen Sinnbild für den verständnisvollen, vergebenden Menschen ist. Juden haben besser zu sein als alle andere Menschen. Für sie gilt das Grundgesetz ganz, ganz besonders!

Solange Juden in Ablehnung von Gewalt zu Opfern werden, solange sie wie Nathan der Weise höchstens ihre Rhetorik als Waffe einsetzen, wenn Ihnen die Worte „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!“ entgegengeschmettert werden, solange sie eben ganz friedlich bleiben, solange sind sie den christlichen Mitmenschen in Deutschland Willkommen. Sobald sie aber beginnen, sich zu wehren, schlägt die angebliche Sympathie schnell in bittere Antipathie um.

Der Jude in Deutschland hat verständnisvoll und vor allem vergebend zu sein, um von seiner Umwelt geliebt zu werden. Für Jude in Deutschland gilt das Grundgesetzt in Deutschland in einer Radikalität, wie sonst für keinen Bürger. Es ist genau diese Sonderbehandlung, die  Shakespeares Shylock in „Der Kaufmann von Venedig“ zum Verhängnis wird. In dieser Komödie, die 150 Jahre vor „Nathan der Weise“ verfasst wurde, finden wir einen Juden, der wie alle anderen Figuren ein ganz gewöhnlicher Mensch ist, der sich schlicht weigert, die Schmach der Unterdrückung einfach so hinzunehmen. Während sämtliche Christen in dieser Komödie nicht in der Lage sind, ihre eigenen Prinzipien zu leben, fordern sie von dem Juden die radikale Einhaltung der Gesetze und bestrafen ihn umso heftiger, als sich herausstellt, dass er den Geboten nur soweit folgen kann, wie jeder andere Mensch auch. Shylock will und kann nicht besser sein als alle anderen Menschen und bringt dies auch mit folgenden Worten auf den Punkt:

Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache.

Shylock ist im Gegensatz zu Nathan ein Mensch, der nicht besser sein möchte als der Rest der Welt. Dennoch wird immer wird immer wieder von Juden erwartet, es besser zu machen. Es reicht schon ein Blick in die Organisation der Vereinten Nationen, um zu sehen, wie die Sonderbehandlung funktioniert:

Ein Drittel aller Resolutionen und Entscheidungen, die der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen seit seinem Bestehen verabschiedet hat, richtet sich gegen Israel. In einer geradezu manischen Fixiertheit auf nur 0,1089% der gesamten Weltbevölkerung, denn dies ist der prozentuelle Anteil der Israelis auf der Erde, sieht die UN ein Volk, dem ganz besondere Aufmerksamkeit zu Teil werden muss. Während also 99,9% der Welt mit geradezu christlicher Milde beäugt werden, müssen die restlichen 0,1% den vollen Zorn der Aufklärung auf ihre Schultern laden. Die Vereinten Nationen beteiligen sich somit auch an der Sonderbehandlung von Juden.

Juden haben eben bessere Menschen zu sein und wenn es ihnen nicht gelingt, dann kann man schon mal fragen, ob es nicht besser wäre, sie zu vergasen? Ist ja nur eine Meinung, eine Entsorgung von Gedanken quasi. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen! Wozu haben wir schließlich das Grundgesetz?

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