Ein zynisches Danke

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei den Bürgerinnen und Bürgern Deutschlands für die Einhaltung der Regeln zur Einschränkung der Corona-Pandemie bedankt: „Danke – von ganzem Herzen danke“, sagte sie in einem Audio-Podcast.

Zunächst einmal möchte ich darauf erwidern: „Gern geschehen.“

Es ist eine Frage des Anstands, einer Danksagung erst einmal Respekt entgegenzubringen, vor allem, wenn sie von Herzen kommt. Zudem halte ich mich an die Regeln und nehme es daher wohlwollend zur Kenntnis, dass meine Bundeskanzlerin mit ihrer Danksagung zeigt, dass die Einschnitte in meine und die Rechte aller Bürgerinnen und Bürger zu massiv sind, um ohne schlechtes Gewissen einfach so exekutiert zu werden. Unabhängig von der Notwendigkeit der einzelnen Regeln muss festgestellt werden, dass wir gerade die weitreichendsten Einschnitte in die Rechte der Menschen des westlichen Teils Deutschlands seit 1949 erleben.

Diese Einschränkungen werden in letzter Konsequenz mit Gewalt durchgesetzt, denn am logischen Ende jeder staatlichen Forderung befindet sich eine Waffe.

Daher halte ich die Danksagung von Angela Merkel für vergiftet und unangebracht. Wir Bürgerinnen und Bürgern sind schließlich verpflichtet, uns an die Regeln zu halten. Was soll da ein Danke? Wer sich nicht an die Regeln hält, wird bestraft. Es ist zynisch, sich bei jemandem dafür zu bedanken, dass er etwas tut, zu das man ihn zwingen würde, täte er es nicht.

Angela Merkel benimmt sich wie eine Mutti, die zu ihren unmündigen Kindern sagt, sie wünsche sich zu ihrem Geburtstag eigentlich nur, dass ihre Kinder schön brav sind.

Wer mir nicht die Möglichkeit gibt, „Nein“ zu sagen, soll mir nicht mit „Danke“ kommen.

Wir Bürgerinnen und Bürger sind nicht unmündig. Die Regierung ist nicht unsere Erziehungsberechtigte. Nicht wir haben brav zu sein, sondern die Regierung. Nicht die Regierung ist der Chef, sondern wir.

Uns werden keine Freiheitsrechte genommen, sondern wir gewähren unseren gewählten Vertreterinnen und Vertretern Einschränkungen in unsere Freiheitsrechte. Diese Unterscheidung ist wichtig, damit jene, die auch nur im geringsten daran denken, diese Gewährleistung zu missbrauchen, die vollste Kraft unseres Widerstands zu spüren bekommen.

Freiheit wird nicht gewährt. Der Mensch trägt die Freiheit in sich. Die menschliche Freiheit kann lediglich eingeschränkt werden und gerade wird die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger massiv eingeschränkt. Statt sich zu bedanken, wäre es besser gewesen, wenn die Bundeskanzlerin folgendes gesagt hätte:

„Verzeihung. Von ganzem Herzen bitte ich um Verzeihung, dass die Regierung diese Einschränkungen in Ihre Menschenrechte vornehmen musste.“

Dadurch hätte die Bundeskanzlerin gezeigt, dass unsere Freiheit kein Gnadenakt der Regierung ist, sondern ein Grundrecht. Grundrechte werden nicht durch Lockerung ermöglicht, sondern durch Maßnahmen eingeschränkt.

Mit einer Bitte um Vergebung hätte die Bundeskanzlerin allen Menschen gezeigt, dass die momentane Situation nicht akzeptabel, sondern höchstens notwendig ist. Selbst als Notwendigkeit bleibt die Aktion ein Versagen. Es hätte nie dazu kommen dürfen. Wenn in einem Land die Grundrechte außer Kraft gesetzt werden, so liegt diese Niederlage der Verfassung in der Verantwortung der Regierungschefin.

Es geht darum, wie man mit Niederlagen umgeht.

Auch die Notwendigkeit der temporären Abschaffung der Grundrechte ist eine Niederlage, die nicht ohne politische Konsequenzen erfolgen darf. Sonst sind die Werte der Verfassung nichts wert.

Mit einer Bitte um Vergebung würde die Bundeskanzlerin die Verantwortung für die Aussetzung gewisser Grundrechte übernehmen und die Möglichkeit lassen, die Bitte entweder anzunehmen oder auszuschlagen. Es gibt nämlich Dinge, die tut man einem anderen Menschen nicht an, ohne um Verzeihung zu bitten. Und es gibt Dinge, für die man die Verantwortung übernehmen muss, wenn man sie als Oberbefehlshaberin nicht verhindert konnte.

Bei allen Menschen, die die Bitte der Kanzlerin um Verzeihung angenommen hätten, hätte sie sich dann bedanken können. Diese Danksagung wäre dann ehrlich und angemessen gewesen.

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Frohe Ostern

Zusammen mit der Kölner Theaterkonferenz und der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker wünsche ich Frohe Ostern:

Hier das Gedicht in seiner ganzen Länge vorgetragen von mir:

Und hier meine Fahrt über die Dächer von Köln:

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Adam Schlesinger – An obituary

„You don’t know what you’ve got ‚till it’s gone!”

I had to think of this line from the song „Big Yellow Taxi“ by singer-songwriter Joni Mitchell when I heard about Adam Schlesinger’s untimely demise: „Don’t it always seem to go, that you don’t know what you’ve got ‘till it’s gone.“

When Mitchell’s song came out, Adam Schlesinger was only two years old. He probably heard the song for the first time somewhere in Manhattan, New York or Montclair, New Jersey, where he was raised. He too was to become an important songwriter.

In 1997 Schlesinger received an Oscar nomination for his song „That Thing You Do“, which he composed for the comedy of the same name by Tom Hanks. When Hanks heard about Schlesinger’s death, he said he was „terribly sad today“.

In 2003 Schlesinger received two Grammy nominations for the band „Fountains of Wayne“, in which he played the E-bass and wrote the most successful song of the group together with Chris Collingwood: „Stacy’s Mom“. In 2009 he received the Grammy in the category Best Comedy Album for „A Colbert Christmas: The Greatest Gift of All!“

He caused a sensation when he composed the opening number „It’s Not Just for Gays Anymore“ for the 65th presentation of the Tony Award. That evening it was performed by Neil Patrick Harris and became a hit on YouTube, where it was seen by millions in a short time. The song satirizes the genre musical in a wonderfully self-ironic way.

Schlesinger himself took part in many musicals and received two Tony nominations for the musical „Cry-Baby“. Before his death he was working on the musical „The Bedwetter“ based on the autobiography of comedian Sarah Silverman. When Silverman learned of his death, she summarized: „Adam was an amazing songwriter and composer, and one of the funniest people I know. His songs are funny and often – despite himself – surprisingly warm.“

In 2019, after having been nominated several times years before, he received an Emmy Award for the song „Antidepressants Are So Not a Big Deal“ from the TV musical series „Crazy Ex-Girlfriend“ with Rachel Bloom. Adam Schlesinger also worked on a musical based on the successful series „The Nanny“ with Fran Drescher.

Sarah Silverman, Fran Drescher and Rachel Bloom saw in Adam Schlesinger the best artistic partner in musically capturing all those things about which they related in such a refreshingly comedic way.

Schlesinger had an enormous musical sense of humor. Whether in major or minor key, each of his songs was imbued with a twinkling love for people and their weaknesses. He knew how to encourage those who heard his songs, despite their doubts and fears. His song „Gettin‘ Bi“, for example, has become a song with which many young people publicly stand by their sexual orientation.

I too have been singing his songs loudly in my car for years, when I go on holiday to the Dutch coast with my wife. Especially the song „End of the Movie“, in which he participated, we sing especially loud. Upon his premature death I would like to present a few quotes:

„Because life is a gradual series of revelations that occur over a period of time. It’s not some carefully crafted story. It’s a mess, and we’re all gonna die. If you saw a movie that was like real life, you’d be like, „What the hell was that movie about? It was really all over the place.“ Life doesn’t make narrative sense!“

Life doesn’t make a narrative sense, but life makes sense if it makes the lives of so many other people happier. Adam Schlesinger has made my life funnier, richer and easier to endure and I realize that right now that he is gone.

„You don’t know what you have ‘till it’s gone.“

On 1 April 2020, Adam Schlesinger died at the age of 52 after being infected with the Covid-19. He leaves behind two daughters and the many people he made happier.

***
(Translation: William Wires)

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Adam Schlesinger – Ein Nachruf

„You don’t know what you’ve got ‚till it’s gone!“

An diesen Satz aus dem Lied „Big Yellow Taxi“der Liedermacherin Joni Mitchell musste ich denken, als ich vom Tod Adam Schlesingers erfuhr: „Du weißt nicht, was du hast, bis es weg ist.“

Als das Lied von Mitchell herauskam, war Adam Schlesinger gerade mal zwei Jahre alt. Er wird das Lied vermutlich zum ersten Mal irgendwo in Manhattan, New York oder Montclair, New Jersey, gehört haben, wo er in einer säkularen jüdischen Familie groß wurde. Aus ihm sollte ebenfalls ein bedeutender Liedermacher werden.

Im Jahr 1997 erhielt Schlesinger eine Oscar-Nominierung für sein Lied „That Thing You Do“, das er für die gleichnamig Komödie von Tom Hanks komponierte. Als Hanks von dem Tod Schlesingers erfuhr, sagte er, er sei „schrecklich traurig heute“.

Im Jahr 2003 erhielt Schlesinger zwei Grammy-Nominierungen für die Band „Fountains of Wayne“, in der er den E-Bass spielte und zusammen mit Chris Collingwood das erfolgreichste Lied der Gruppe schrieb: „Stacy‘s Mom“. Im Jahr 2009 erhielt er den Grammy in der Kategorie Bestes Comedy-Album für „A Colbert Christmas: The Greatest Gift of All!“

Für eine Sensation sorgte er, als er für die 65. Verleihung des Tony-Awards die Eröffnungsnummer „It’s Not Just for Gays Anymore“ komponierte. An dem Abend wurde es von Neil Patrick Harris vorgetragen und zu einem Hit auf YouTube, wo es in kurzer Zeit mehrere Millionen Mal aufgerufen wurde. In dem Lied wird auf wunderbar selbstironische Art das Genre Musical persifliert.

Schlesinger selbst wirkte an vielen Musicals mit und erhielt zwei Tony-Nominierungen für das Musical „Cry-Baby“. Vor seinem Tod befand er sich in Arbeit an dem Musical „The Bedweter“ nach der Autobiografie der Komikerin Sarah Silverman. Als Silverman von seinem Tod erfuhr, erklärte sie: “Adam war ein erstaunlicher Liedermacher und Komponist und einer der lustigsten Menschen. Seine Lieder sind lustig und oft – trotz seiner selbst – erstaunlich herzlich.“

Im Jahr 2019 erhielt er, nachdem er Jahre davor bereits mehrfach nominierte worden war, einen Emmy-Award für das Lied „Antidepressants Are So Not a Big Deal“ aus der Fernseh-Musical-Serie „Crazy Ex-Girlfriend“ mit Rachel Bloom. Adam Schlesinger arbeitete ebenfalls an einem Musical nach der erfolgreichen Serie „The Nanny“ mit Fran Drescher.

Sarah Silverman, Fran Drescher und Rachel Bloom gehören zu den erfolgreichsten jüdischen Künstlerinnen und Komikerinnen der Vereinigten Staaten von Amerika. Alle drei Frauen sahen in Adam Schlesinger den besten Verbündeten, um all das in Musik zu fassen, worüber sie so herzerfrischend komisch erzählen konnten.

Schlesingers hatte einen enormen musikalischen Sinn für Humor. Ob in Dur oder in Moll, jedem seiner Lieder wohnte eine augenzwinkernde Liebe zu den Menschen und ihren Schwächen inne. Er verstand es, den Menschen, die seine Lieder hörten, trotzt ihrer Zweifel und Ängste immer wieder Mut zu machen. Sein Lied „Gettin‘ Bi“ zum Beispiel ist zu einem Lied geworden, das viele junge Menschen nutzen, um damit öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.

Auch ich singe seit Jahren immer wieder laut seine Lieder im Auto, wenn ich mit meiner Frau an die holländische Küste in Urlaub fahre. Besonders das Lied „End of the Movie“, an dem er mitwirkte, singen wir immer besonders laut. In Anbracht seines zu frühen Todes möchte ich ein paar Zeilen ins Deutsche übersetzen:

„Das Leben ist nur eine stetige Aneinanderreihung von Offenbarungen, die über einen gewissen Zeitraum geschehen. Es ist keine sorgfältig ausgearbeitete Geschichte. Es ist ein Chaos und wir werden alle sterben. Wenn Du einen Film siehst, der wie das echte Leben ist, wirst Du sagen: „Worum zum Teufel ging es in diesem Film?“ Das Leben ergibt keinen narrativen Sinn!“

Das Leben ergibt zwar keinen narrativen Sinn, aber ein Leben hat Sinn, wenn es das Leben so vieler anderer Menschen glücklicher macht. Adam Schlesinger hat mein Leben lustiger, reicher und leichter zu ertragen gemacht und das merke ich gerade jetzt, da er weg ist.

„Du weißt nicht, was du hast, bis es weg ist.“

Am 1. April 2020 starb Adam Schlesinger im Alter von 52 Jahre nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Er hinterlässt seine zwei Töchter und viele Menschen, die er glücklicher gemacht hat.

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Wozu sind wir bereit?

Welche Opfer sind wir bereit, in dieser Krise zu geben?
Welche Opfer erwarten wir von anderen?
Wozu sind wir bereit, andere zu zwingen?
Welche Mittel sind wir bereit, anzuwenden?
Wieviel Angst haben wir?

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Ein 1. April, der kein Scherz war

Am Samstag, 1. April 1933, begann um 10 Uhr der Boykott von jüdischen Geschäften. Überall in deutschen Städten standen uniformierte und teils auch bewaffnete SA-, HJ- und Stahlhelm-Posten vor jüdischen Geschäften, Banken, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden daran, diese zu betreten. Schilder, Plakate und Parolen forderten: „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden! – Die Juden sind unser Unglück! – Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!“

Auch heute noch ist diese Mentalität aktiv. Tapfer im Nirgendwo präsentiert daher ein paar Artikel zum aktuellen Judenboykott, der sich geschickt als Israelboykott tarnt.

In Israel sind Muslime und Juden Nachbarn. Sie lachen, leben, essen, weinen und streiten zusammen. Sie leben miteinander und teilen sich die selbe Heimat. Sie sind gemeinsam in Treue verbunden mit den Bäumen, Flüssen, Bergen, Meeren, Seen, Städten, Dörfern und Wüsten ihrer Heimat, die sie oft in ihre Gebete einschließen. Sie sind eine Familie! Manche sind entfernte Verwandte, andere wiederum frisch nah Vertraute. All diese Menschen werden von der weltweit agierenden Kampagne des Hasses BDS diskriminiert. Der Name BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“. BDS wendet sich gegen ganz Israel und kulturell gegen alles, was israelisch ist. Die Politik von BDS lässt sich auf diese Formeln bringen:

„Kauft nicht bei Israelis!“
„Israel ist unser Unglück!“
„Kein Dialog mit Israel!“

Mit einer Person, die man boykottiert und mit der man nicht redet, kann man keinen Frieden schließen. BDS will keinen Frieden! (BDS- Eine Kampagne des Hasses)

Warum boykottierst Du das Land, das mich leben lässt, wie ich bin und nicht viel mehr all die Länder, in denen ich verfolgt werde, weil ich so bin, wie ich bin? (Warum boykottierst Du Israel?)

In Bonn marschierten drei in weißen Schutzanzügen gekleidete Trupps in das Geschäft Galeria Kaufhof und nahmen dort die Produkte ganz genau unter die Lupe. In ihren Händen hielten sie Formulare auf denen zu lesen war: „Deutsche Zivilgesellschaft – Inspektion der Produkte israelischer Unternehmen“. Auf den Zetteln standen die Namen diverser israelischer Unternehmen mit Angabe der Herkunft und dem Barcode, sowie einer Spalte mit dem Vermerk „Verdacht“. In dieser Spalte galt es für die willigen Vollstrecker einzutragen, ob die Waren in dem Geschäft gefunden wurden. Die deutschen Zivilinspektoren gingen mit einer geradezu gespenstigen bürokratischen Genauigkeit vor. (Deutschlands willige Vollstecker)

Am 28. November 2015 liefen sechs in gespestigem Weiß gekleidete willige Vollstrecker über den Weihnachtsmarkt von Bremen auf der Suche nach jüdischen Produkten. Auf ihren Kostümen stand:

Inspektion
Kennzeichnungspflicht
von Waren aus den illegalen
israelischen Siedlungen

Der Weihnachtsmarkt in Bremen erinnert (wie alle Weihnachtsmärkte der Welt) an ein jüdisches Paar, das vor gut zweitausend Jahren einen Jungen in einer Krippe in Bethlehem zur Welt gebracht hat. Bethlehem wird heute von der sogenannten palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet. Heute wären Maria und Josef daher für viele Menschen nichts weiter als illegale jüdische Siedler, die dort nichts zu suchen haben und Jesus wäre ein illegaler Siedlerjunge und würde keine Sympathien bekommen. Die Vereinten Nationen würden vermutlich Resolutionen gegen Maria und Josef verhängen und deutsche Dichter würden Jesus kritisieren, weil es gesagt werden muss und man das ja wohl noch sagen darf! (Die willigen Vollstrecker von Bremen)

Jede Stadt, die eine Partnerstadt in Israel hat, jeder Veranstalter, der mit Israelis kooperiert und jeder Mensch, der mit israelischen Partnern zusammenarbeitet, muss einfach nur folgendes erklären: „Gerne nehmen wir Ihren Wunsch an und beenden jede Zusammenarbeit mit Ihnen. Sie wollen Israel boykottieren und wir sind durch Zusammenarbeit mit Israel ein Teil dessen, das sie boykottieren! Wir akzeptieren Ihren Wunsch, uns zu boykottieren und stellen Ihnen daher unsere Räume, Bühnen und Orte nicht zur Verfügung.“ (Eine Antwort auf BDS)

Liebe Emma,
Liebe Caryl,

das Stück, das das Habima Ensemble aus Tel Aviv in Israel Ende Mai beim Festival im Globe Theatre zeigen möchte und das Sie von der englischen Bühne vertreiben wollen, ist „Der Kaufmann von Venedig“ von William Shakespeare! Es ist ein Stück über einen Juden, der aus Venedig vertrieben wird, weil er nicht besser sein kann und will als alle Christen der Stadt. Sie wollen jetzt Juden von der Bühne des Globe Theatre vertreiben, weil das Land, aus dem sie kommen, nicht besser ist als alle anderen Länder auch. Gerade Menschen wie Sie sollten sich dieses Stück ansehen! (Die Vertreibung des Juden von der englischen Bühne)

Menschen, die vor einem McDonald’s Thesen über den Status von Hawai in ein Megaphon brüllen und dabei eine illegale Besatzung der Inselgruppe durch die Amerikaner anprangern, sind Spinner! Menschen, die vor einem chinesischen Restaurant lauthals „Freiheit für Tibet“ skandieren, sind Spinner! Menschen, die vor einem persischen Restaurant gegen den Iran demonstrieren und aufgrund der Politik im Iran zum Boykott des Restaurants aufrufen, sind Spinner! Selbiges gilt für alle Menschen, die glauben, vor jüdischen Restaurants oder Geschäften Politik gegen Israel betreiben zu müssen. Es sind Spinner!

Immer mal wieder wird zum Boykott Israels aufgerufen und dabei ein dämonisierendes Bild von dem Land gezeichnet. Stellen wir uns mal vor, Deutschland würde so behandelt wie Israel. Ein Boykottaufruf sähe wie folgt aus: Boykott Deutschland!

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Das Hass-Tattoo der Kirche

Stellen Sie sich einen Mann vor, der in seiner Jugend ein überzeugter Neo-Nazi war und sich in dieser Zeit einige Tätowierungen des Hasses auf seinen Körper gestochen lassen hat. In späteren Jahren erkennt dieser Mann allerdings, dass er in jungen Jahren absolut auf dem falschen Weg war. Er steigt daher aus der Neo-Nazi-Szene aus und gibt viel Geld aus, um die Beleidigungen von seinem Körper entfernen zu lassen.

Was würden Sie sagen, wenn der Mann trotz seiner Abkehr vom Hass weiterhin seine hasserfüllten und beleidigenden Tattoos behalten würde. Würde es Ihnen leicht fallen, diese Tattoos zu tolerieren? Würden Sie das Argument zählen lassen, der Mann wolle damit nur reumütig zu seiner hasserfüllten Vergangenheit stehen? Einige christliche Kirchen machen genau das.

Mache Kirchen in Europa zeigen immer noch sogenannte „Judensäue“. Das Bild der „Judensau“, das Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen soll, findet sich unter anderem als Schnitzarbeit im Chorgestühl des Erfurter Doms, aber auch in Stein gemeißelt an den Domen von Magdeburg, Regensburg und Uppsala, sowie an der Kathedrale von Metz, an St. Sebald in Nürnberg und an der Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg.

Im Kölner Dom findet sich eine „Judensau“ sowohl im für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Chorgestühls, als auch für jeden, der sich vom Rhein aus dem Kölner Dom nähert, gut sichtbar als Wasserspeier an der Spitze der Außenfassade des Chors.

Warum die „Judensau“ immer noch dort hängt, erklärt der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Prof. Jürgen Wilhelm, wie folgt: „Es geht darum, diese Darstellung im historischen Kontext zu erklären und zu problematisieren, dass Antijudaismus Teil der christlichen Kirche ist. (…) Bilderstürmerei ist keine Antwort.“

Der Vergleich mit der Bilderstürmerei ist schwerwiegend. War die Zerstörung von Nazisymbolen nach dem Zweiten Weltkrieg etwa auch Bilderstürmerei oder hätte man die Symbole erhalten lassen sollen, um die Nachwelt zu mahnen?

Natürlich darf die teilweise brutale Geschichte des Christentums nicht verleugnet werden, aber dafür muss die „Judensau“ nicht am Kölner Dom bleiben. Ein Museum ist ein weitaus geeigneter Ort für so eine Skulptur. Einige behaupten jedoch, der Kölner Dom sei auch ein Museum und darum könne die Skulptur auch dort verbleiben.

An einer Kirche, die kein Museum ist, sondern ein lebendiger Körper des Glaubens, an so einen Körper möchte ich keine Tattoos des Hasses sehen.

Wenn die Kirche keine Leiche ist, die man so beerdigt, wie man sie vorgefunden hat, sondern wenn sie lebendig ist, dann muss sie sich lösen von dem Hass, den sie einst verbreitet hat und die Dokumente des Hasses an einen separaten Ort geben, wo sich jede Person, die sich dafür interessiert, über die Geschichte des Christentums informieren kann.

Der Neo-Nazi, der seine Tätowierungen entfernt, weil er erkannt hat, dass sie falsch sind, leugnet damit auch nicht seine Vergangenheit. Mit der Entfernung macht er jedoch klar, dass er den Rest seines Lebens nicht damit verbringen will, judenfeindliche Beleidigungen in die Welt zu tragen.

Aber selbst wenn der ehemalige Neo-Nazi die Tattoos des Hasses nicht entfernt, was müsste man davon halten, wenn er die Tattoos restaurieren würde, damit sie erhalten bleiben? Spätestens dann würde ich wieder stutzig werden.

Umwelteinflüsse hätten manch eine „Judensau“ schon längst von so manch einer Kirche entfernt, aber einige Gemeinden wirken aktiv gegen die Verwitterung. Auch die „Judensau“ in Köln wurde restauriert. Mittlerweile sorgt sogar eine grüne Metallhalterung dafür, dass die „Judensau“ nicht vom Kölner Dom fallen kann. Wer sich soviel Mühe gibt, will, dass die Beleidigung erhalten bleibt. Wer trotzt vieler zum Teil natürlicher Einflüsse von außen, die diesem Hass schon längst ein Ende gesetzt hätte, den Hass aufrecht erhält, entscheidet sich bewusst dafür, dass die Beleidigung weiterhin artikuliert.

Die „Judenssau“ an der Außenfassade des Kölner Doms ist kein bloßes historisches Zeugnis mehr, sondern eine bewusste Aussage, die heute immer noch täglich durch die Entscheidung der Restaurierung getätigt wird. Eine restaurierte und mit einer neuen Halterung am Kölner Dom befestigte „Judensau“ ist kein Teil der Geschichte mehr, sondern ein in der Gegenwart durch eigene Anstrengungen unternommener Akt der Beleidigung.

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Autor, Künstler oder Betreiber von „Tapfer im Nirgendwo“ unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

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Verantwortung und Freiheit

Aufgrund des Anstiegs der Zahl der Corona-Fälle und jener, die an Covid-19 gestorben sind, wurden scharfe Ausgangsbeschränkungen von der Regierung erlassen und mehrere Berufe mit einem einstweiliges Berufsverbot belegt, um so die Ausbreitung des Virus einzudämmen. In Anbetracht dieser weitreichenden Maßnahmen ist es notwendig, folgendes festzustellen:

Uns werden gerade keine Freiheitsrechte genommen, sondern wir gewähren unseren gewählten Vertreterinnen und Vertretern gerade lediglich Einschränkungen in unsere Freiheitsrechte für eine gewisse Zeit des Notstands und der Krise. Diese Unterscheidung ist wichtig, damit jene, die auch nur im Geringsten daran denken, diese Gewährleistung zu missbrauchen, die vollste Kraft unseres Widerstands zu spüren bekommen.

Freiheit wird nicht gewährt. Kein Staat oder irgendein anderes weltliches Gebilde kann Freiheit gewähren. Der Mensch trägt die Freiheit in sich. Der Mensch ist Mensch, weil er frei ist. Die menschliche Freiheit kann lediglich eingeschränkt werden, entweder weil ein Mensch freiwillig diese Einschränkung zulässt oder weil er mit Gewalt dazu gezwungen wird.

Für die gewalttätige Einschränkung der Freiheit braucht es gute Gründe, weil es den Menschen ausmacht, frei zu sein.

Freiheit bedeutet, nicht willenlos Befehle und Anordnungen einer externen Macht ausführen zu müssen, wie eine Maschine, die programmiert wurde, sondern sich zu der Welt, in der man sich befindet, in moralisch bewertender Zuwendung zu verhalten und somit das eigene, aber auch das Handeln fremder Personen in richtig, falsch, gut und böse einzuteilen. Der Mensch ist sich selbst stets Rechenschaft schuldig und somit gewissermaßen zur Freiheit verurteilt.

Wer kennt sie nicht, die Bisse des Gewissen, die besonders dann spürbar werden, wenn man alleine ist und wenn keine großen Ablenkungen die Gedanken zerstreuen. Das Coronavirus hat uns zurück in unsere Höhlen geworfen. Die Straßen sind ruhig, die Amüsiermeilen geschlossen und keine bunten Lichter laden zum Vergnügen.

In unseren Höhlen werden wir erst einmal ungewohnt aktiv. Einige applaudieren aus ihren Fenstern den Helferinnen und Helfern in der Krise zu, andere singen Lieder des Muts und der Hoffnung von ihren Balkonen und wieder andere kommunizieren über moderne Medien mit Freundinnen und Freunden, mit Verwandten und Bekannten.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Menschen kümmern sich um andere Menschen. Der Mensch ist sogar in der Lage, sich für andere Wesen zu opfern. Es gehört zum Wesen des Menschen, sich in Freiheit opfern zu können. Ein Opfer kann jedoch nicht nur freiwillig erbracht werden. Es gibt auch erzwungene Opfer. Die Geschichte ist voll von Menschen, die gegen ihren Willen geopfert wurden. Auch jetzt wird von vielen Menschen ein Opfer verlangt.

Der Mensch möchte gebraucht werden und seiner Existenz einen Sinn geben. Er sucht nach einer Aufgabe im Leben und möchte Verantwortung übernehmen. Aber nur ein freier Mensch kann Verantwortung übernehmen. Wer nicht frei ist, kann sich nicht verantworten für eine Tat, auf dessen Ausführung er keinen Einfluß hatte. Wie also verhalten wir uns in Zeiten wie diesen, da ein gefährlicher Virus grenzenlos wütet, während wir in abgesteckten Höhlen hocken?

Können wir darauf hoffen, dass sich freie Menschen dazu entscheiden, zum Wohle alter, schwacher und kranker Menschen ihre wirtschaftliche Existenz aufs Spiel setzen und sogar Maßnahmen ergreifen, die im schlimmsten Fall zu schweren Depressionen und seelischen Störungen führen können? Welcher Zwang ist in Anbetracht dieser globalen Gefahr gerechtfertigt? Welche Strafen dürfen angewandt werden?

Ich bin von Beruf Bühnenkünstler. Zusammen mit vielen Kolleginnen und Kollegen übernehmen wir gerade gemeinsam mit Menschen aus anderen Berufsgruppen Verantwortung zur Einschränkung der Ausbreitung des Virus. Wir nehmen dafür sogar Einbußen in Kauf, die die eigene Existenz gefährden.

Bei diesen Angst, Stress und Sorge auslösenden Kraftanstrengungen kommt es unweigerlich auch mal vor, dass ein derart gestresster Menschen mal fragt, ob diese Maßnahmen überhaupt notwendig sind und wann sie enden. Ein Theaterkollege von mir, der sich massiv für andere Mensch einsetzt, leitete mir am Tag 8 der Beschränkungen eine Mail weiter, die er erhalten hatte, nachdem er öffentlich ein paar kritische Fragen zu dem aktuellen Umgang der Regierung mit der Viruskrise gestellt hatte. Die Mail las sich so, als hätte er mit seinen Fragen des Teufels höchstpersönliche Botschaft des Hasses in die Welt trompetet:

„Nur ein Depp kann jetzt mit solch dämlichen Fragen kommen. Wer jetzt noch meint, sich nicht an die Vorgaben halten zu müssen und damit unser aller Gesundheit und Leben gefährdet, gehört in den Knast. Wenn der Knast zu voll ist, dann soll er mit einer Fußfessel in die eigene Wohnung eingesperrt werden und jedes mal, wenn er die Wohnung verlässt glich 1000 Euro Strafe. Ihr weinerlichen Idioten. Eure Freiheit? Heult doch! Wer immer noch nicht kapiert, dass solche Einschränkungen uns allen zu Gute kommen, der wird es nie begreifen und gehört weggesperrt.“

Mal ganz angesehen davon, dass dem Autor dieser Zeilen offensichtlich nicht klar ist, dass überfüllte Knäste nicht gerade hilfreich sind im Kampf gegen eine Virusepedemie, es sei denn, die Knäste werden komplett von der Außenwelt abgeschnitten und die Insassen ihrem Schicksal überlassen, zeigen diese Zeilen, warum gerade in Zeiten der Pest die Hexenjagd, Judenverfolgung und Inquisition Hochkonjunktur hatte. Wer Angst hat vor einem Feind, den er nicht sehen kann, sucht sich Feinde, die er sehen kann, um sich an ihnen abzureagieren. Es ist daher grob fahrlässig, wenn dieser Durst nach Schuldigen von einer Regierung durch hastig aus dem Hut gezauberte politische Strafanordnungen bedient wird.

Am 24. März 2020 veröffentlichte die Landesregierung NRW einen Straf- und Bußgeldkatalog zur Umsetzung eines Kontaktverbots, das sie vorher erlassen hatte. Dieser Strafkatalog ist völlig kontraproduktiv.

Mit dem Erlass des Kontaktverbots bekamen die Exekutivorgane die Befugnis, öffentliche Versammlungen und andere potentielle Gefahrenherde aufzulösen. Diese temporäre Bemächtigung ist sinnvoll. Es ist jedoch nicht hilfreich, die Menschen, die sich nicht daran halten zu bestrafen.

Wir befinden uns in hoch sensiblen Zeiten. Es gibt Menschen die erkranken, manche sterben. Einige vereinsamen, andere kommen vor Angst und Sorge fast um. Die Situation ist nur sehr schwer zu ertragen.

Manche verlassen daher ihre Wohnungen, treffen Freunde und brechen die Regeln, weil sie es einfach nicht mehr aushalten, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt oder weil sie einem familiären Streit aus dem Weg gehen müssen.

Eine Regierung, die meint, jetzt wäre die passende Zeit, einen Bußgeldkatalog zu erstellen, um Menschen zu bestrafen, die sich in diesen ungewöhnlichen und schweren Zeiten in eigenen schwachen Momenten nicht an den politischen Plan halten können oder wollen, zeigt damit nur den eigenen Mangel an Empathie und vor allem die Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen. Jetzt sollte nicht bestraft werden; jetzt sollte geholfen werden.

Jetzt ist keine Zeit für eine harte Hand des Staates, der Menschen schuldig spricht. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen Angst haben, krank zu werden und zu sterben, wenn sie sich anderen Menschen nähern. Wenn der andere Mensch allein schon durch seine pure Nähe oder Existenz zur Gefahr wird, wenn er entfernt werden muss aus dem eigenen näheren Umkreis, dann braucht es mehr Verständnis und weniger Verurteilung.

Ja, die momentanen Einschränkungen sind sinnvoll. Nicht umsonst setze ich sie gerade zusammen mit vielen anderen Bürgerinnen und Bürgern um, die auch nicht wissen, ob sie dadurch ihren bisherigen Lebensentwurf völlig über den Haufen werfen. Wir alle sind besorgt und wollen mehr Sicherheit. Der Tod der Freiheit kam jedoch immer mit dem Ruf nach mehr Sicherheit. Daher sollten wir ein paar Dinge bedenken.

Die Verfassung wurde für Zeiten der Krise geschrieben, nicht für glückliche Tage.

In der Phoenix Runde vom 20. März 2020 zum Beispiel erklärte der Digitalexperte der ARD, Jörg Schieb, gerade in dieser ungewissen Zeit müsse über weitere Möglichkeiten der Zensur nachgedacht werden. Er führte aus: „Zensur ist gar nicht so böse und schlecht wie manche immer glauben.“

Schieb argumentierte, da die deutschen Gesetze bereits Volksverhetzung und gewisse Formen der Pornografie unter Strafe stellen, könne man der Zensur durchaus auch etwas gutes abgewinnen und erklärte, Zensur sei nicht nur etwas, „dass uns was nimmt“, sondern Zensur sei auch etwas, „dass uns was gibt“.

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, erklärte in der selben Runde: „Im 19. Jahrhundert war sauberes Wasser die wichtigste Ressource für Gesundheit. Im 21. Jahrhundert ist sauberes Wissen die wichtigste Ressource.“

Ich hörte diese Worte und dachte mir: Was bitte ist dreckiges Wissen? Wer soll die Macht bekommen, Wissen zu reinigen und vor allem, welche Mittel zur Reinigung der Gedanken sind geboten? Mir kamen sofort wieder Assoziationen zu den Pestepidemien in Europa in den Sinn. Damals wurde auch jeder verurteilt, der es wagte, die Reinheit des herrschendes Wissens zu beflecken. Die Kirche zögerte nicht, alles zu zensieren, was in den Augen der Hüter des guten und wahren Wissens Schuld an der Pest war. Es war zudem die Zeit, in der Sündenböcke dafür verantwortlich gemacht wurden, die Pest verbreitet zu haben, indem sie das Wasser in Brunnen vergiftet hätten.

Gerade jetzt ist Kritik wichtig!

Nicht immer ist Kritik angemessen. Manchmal ist sie hart, manchmal unberechtigt, manchmal einfältig, dumm und falsch. Es gibt intelligente und dumme Personen. Menschen sind unterschiedlich. Manche regeln ihr Leben nach mathematischen Formeln, andere nach Bauernregeln. Es gibt Menschen, die glauben an Gott, andere umarmen Bäume, wieder andere nennen den Zweifel ihren besten Verbündeten. Sie alle aber tragen die Freiheit in sich und ordnen die Welt auf ihre Weise. Zudem haben alle Menschen die Fähigkeit, sich gegenseitig zu verständigen und sich zu einem gewissen Teil in die Situation des Gegenübers hineinversetzen zu können.

Natürlich lamentieren Menschen, wenn ihnen etwas genommen wird. Es ist vollkommen verständlich, dass in Ausnahmesituation auch mal dumme oder schmutzige Gedanke den Weg aus den Mündern jener finden, denen grade der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, die um ihre pure Existenz bangen und die nicht wissen, ob sie wirtschaftlich oder beziehungstechnisch heil aus der Situation herauskommen. Die Menschen heute bangen zudem um ihre Gesundheit. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat selbst gesagt, dies sei „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Die Menschen, die mit voller Wucht von dieser Herausforderung getroffen werden, sollte man weder bestrafen noch ihnen das Recht nehmen, auch mal schmutzig zu reden oder schmutziges Wissen zu teilen. Ihnen sollte man stattdessen die Möglichkeit geben, sich so frei wie möglich für die Verantwortung entscheiden zu können. Dafür müssen sie aber auch Fehler machen dürfen, auch in der Krise. Daher sollte der eifrig erstellte Bußgeldkatalog schnell wieder verschwinden.

(Bild: Antonio Ruiz Tamayo)

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Corona-Tagebuch

Dokumentarisches Theaterprojekt

Ein Aufruf vom 25. März 2020 von theaterausglas

Wir leben in einer sehr ungewöhnlichen Zeit, eine Zeit der globalen Krise, wie wir sie bisher noch nie erlebt haben. Viele von uns sind verunsichert und ängstlich, denn niemand weiß, wie sich die gegenwärtige Krise entwickeln wird.

Aber es ist auch eine Zeit, in der wir zusammenhalten, uns neu begegnen und unsere Erfahrungen und Erlebnisse miteinander teilen. Wir wollen euren persönlichen Geschichten, euren Gedanken und Gefühlen einen Raum geben und zwar im Rahmen eines dokumentarischen Theaterprojekts. 

Sendet uns gerne kurze oder längere Texte zu, in denen ihr berichtet, wie es euch gerade aktuell geht, was sich bisher in eurem Leben verändert habt, welche Sorgen ihr euch macht, wie ihr ganz persönlich mit dieser Situation umgeht. 

Mit euren persönlichen Stimmen kreieren wir ein Theaterstück, das wir unmittelbar nach der Krise auf die Bühne bringen werden. 

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theaterausglas ist eine freies Theater- und Musical-Ensemble aus Köln bestehend aus Joseph Vicaire, Viktoria Burkert und Gerd Buurmann.

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Alles Scheiße, Deine Elli!

Eine Trauerrede für Johannes van Aaken gehalten am 21. März 2020:

Johannes van Aaken
15. Februar 1964 bis 2. März 2020

Zwei ältere Damen in einem Erholungsheim unterhalten sich und die eine sagt: »Grässlich dieses Essen hier!« – Darauf die andere: »Genau, und dann diese kleinen Portionen!« Tja, genau so kommt mir das Leben vor: voller Einsamkeit und Elend und Leid und Traurigkeit, und dann geht es so schnell vorbei.“

Mit diesen Worten beginnt der Film „Annie Hall“ von Woody Allen. Diese Worte fielen mir als erstes ein, als ich überlegte, wie ich die Trauerrede für Johannes beginnen soll. Natürlich mit einem Witz. Das passt zu Johannes.

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Das hat Johannes gerne spaßeshalber gesagt, immer dann wenn Dinge nicht ganz so liefen, wie er sie geplant hatte. Er hatte diesen Satz sogar zu dem Palliativarzt gesagt, als er fragte, wie es ihm denn ginge. Na, wie sollte es ihm schon gehen?

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Es gibt da einen anderen Witz, der mir einfällt, wenn ich an Johannes denke. Er ist ganz kurz und doch so vielsagend: Wie bringt man Gott zum lachen? Mach einen Plan!

Es lief nicht alles nach Plan in Johannes Leben, aber darum geht es nicht. Es geht nicht immer darum, alles strikt nach Plan und Anweisung zu machen. Johannes wusste das auch. Von frühster Kindheit an war er ein Bastler. Wenn er sich was anschaffte, war es ein Auto oder eine Musikanlage, dann bastelte er daran herum.

Johannes schraubte auf, schaute nach, verbesserte hier und manchmal verschlimmbesserte er dort. Wenn etwas mal nicht so funktionierte, wie er sich das gedacht hatte, blieb immer noch sein Spruch:

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Johannes hat nie aufgegeben, wenn etwas nicht nach Plan lief. Er hat weiter gebastelt. Er hat immer wieder neuen Mut gefasst.

Auch im Angesicht seiner Krankheit hatte Johannes nie aufgehört, Dinge auszuprobieren und an bestimmte Heilverfahren zu glauben. Manchmal hat er mit seiner festen Überzeugung an die Wirkmächtigkeit seiner Verfahren genervt, aber er hat sich damit stets selbst gestärkt.

Mir fällt daher noch ein weiterer Witz ein. Er ist ebenfalls sehr kurz. Karl Valentin hat einmal gesagt: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Kurz war auch Johannes Leben, viel zu kurz. Aber in diesem kurzen Leben hat Johannes gezeigt, wie tief der kurze Witz von Karl Valentin ist. Johannes hat diesen Witz gelebt: „Ich habe Hoffnung, wenn ich im Sterben liege, denn wenn ich keine Hoffnung habe, sterbe ich trotzdem.“

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Johannes hat gekämpft, bis zum Schluss. Als er aber ging, da ging er leise. Mit einem letzten ruhigen Ausatmen ist er gegangen, in Anwesenheit seiner Frau.

Talishja, Du hast mir gesagt, wie unglaublich Du diesen Mann geliebt hast und wie sehr er Dich geliebt hat. Die Trauer, die Du gerade spürst, der Schmerz muss unendlich sein, aber er ist ein Beweis für die Wahrhaftigkeit Eurer Liebe. Von Viktoria Burkert kommt der Satz: „Wer lacht, hat meistens Wunden und wer fühlt, was wirklich ist, fühlt sofort, dass es weh tut, denn was schön ist und weh tut, ist wahr.“

Trauer ist Freude über das, was einmal war. Eine der besten Definitionen von Witzen lautet. Witz ist Schmerz plus Zeit.

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Johannes wollte nicht, dass wir Trübsal blasen. In den letzten Wochen seines Lebens hatte er darum gebeten, zu einem Weinabend zu laden, sobald er gestorben sei, um in Anwesenheit seines Leichnams das Leben zu feiern. Dieser Plan sollte aufgehen.

Als Johannes gestorben war, kamen ein paar seiner Freundinnen und Freunden zusammen und wir tranken in seiner Erinnerung ein paar Gläser Wein. Ich erfuhr in der Zeit viel über Johannes.

Von Adrienne erfuhr ich, dass Johannes manchmal aufbrausend sein konnte, aber auch kein Problem damit hatte, um Verzeihung zu bitten, wenn er einen Schritt zu weit gegangen war. Sie sagt über ihn: „Johannes war ehrlich und gerade heraus. Und wenn er von etwas überzeugt war, hat er dafür gekämpft. So auch in der langen Phase seiner Erkrankung.“

Patricia und Markus haben mir gesagt: „Johannes war ein sehr warmherziger Mensch, der die Kunst liebte. Wir sind sehr dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihm. Wir haben ihn immer im Herzen.“

Mechthild wiederum hat mir die Geschichte erzählt, wie sie im Januar über Nacht bei Talishja blieb, um sie zu unterstützen. In der Nacht ging sie zu Johannes, weil er wach wurde und etwas zu trinken wollte. Sie erzählte mir, dass sein Getränkewunsch sehr spezifisch war. Er sagte: „Ich möchte eine Pina Colada!“

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Als Johannes starb, war neben seiner Frau auch sein Logopäde Winfried Emmbach anwesend. Auch gegenüber ihm hat Johannes immer wieder seine Witze rausgehauen. Einmal, als der Logopäde mit ihm Übungen machen wollte, sagte Johannes: „Quäl mich nicht oder ich rufe Amnesty International an!“

In Namen von Talishja möchte ich Ihnen, Herr Emmbach, einen tiefen Dank aussprechen für alles, was Sie für Johannes getan haben. Ich möchte auch noch einen anderen Mann erwähnen. Er war Johannes Seelenverwandter: Peter! Es tut mir so unendlich leid, dass Du Deinen Freund viel zu früh verloren hast.

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Es war Johannes’ Wunsch, dass ich einen besonderen Dank sage an Thomas Ochsé vom Hospiz Verein. Vielen Dank für die wichtige Arbeit, die Sie für Johannes und für die vielen anderen Menschen vollführen.

Diese Trauerfeier ist nicht so, wie sie geplant war. Eigentlich hätten hier deutlich mehr Menschen sein sollen. Hinterher hätten wir gut gegessen und wir hätten uns gepflegt an Johannes erinnert. Danke Jan Bons für Deine Organisation.

Der Coronavirus hat uns jedoch einen Strich durch diesen Plan gemacht. Von Bertolt Brecht kommt der Satz: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“

Jetzt sind wir hier, gerade mal acht Personen, alle mit zwei Meter Abstand voneinander, weil die aktuellen Notstandsverfügungen im Umfeld des Coronavirus‘ dies von uns verlangen. Acht Menschen waren auch auf der Arche Noah. Es ist die ganze Menschheit.

Wenn es einen Himmel geben sollte, dann sitzt Johannes da nun bestimmt mit Gott und sie lachen und lachen und lachen über uns. Wie bringt man Gott zum lachen? Mach einen Plan!

In Johannes Leben ist nicht alles so gelaufen wie geplant. Er musste viel basteln, oft friemeln und einiges reparieren. Manchmal war sein Leben ein heißer Ritt in einem getunten Auto auf einem abgeernteten Acker. Dass er solche Fahrten als Teenager unternommen hatte, erzählte mir sein Bruder Benedikt auf dem Leichenumtrunk.

Ich habe an diesem Abend viel über Johannes erfahren. Ich weiß jetzt, warum er unbedingt wollte, dass dieser Umtrunk stattfindet.

Johannes Leben war eine wunderbare Improvisation. Wenn auch nicht jeder Plan aufging, manch ein Plan ging auf. Heute zum Beispiel wird Johannes‘ Plan aufgehen, dass sein letztes Lied vor seiner Beisetzung „Fly“ von Celine Dion ist, so Gott will. Die kanadische Lady hat zwar noch nicht gesungen, aber hey, was soll schon schief gehen. 😉

Catherine de la Roche wird heute für Johannes singen und lesen, wie geplant und Johannes wird seine letzte Ruhe an einem Baum finden, wie geplant. Talishja hat sich bereits einen Platz an seiner Seite reserviert, ebenfalls wie geplant.

Alles andere aber, was hier heute passiert, war deutlich anders geplant. Vielleicht aber ist das die Erkenntnis aus dieser Veranstaltung. Dass es nicht darum geht, immer alles zu planen, sondern dass man manchmal die Dinge nur so nehmen kann, wie sie sich gerade offenbaren.

Daher werde ich Johannes heute einen ganz besonderen letzten Respekt erweisen und ihn so verabschieden, wie es sich für Johannes gehört, wenn ein Plan nicht ganz so aufgegangen ist, wie er sich das gedacht hat. In tiefstem Respekt vor Johannes und in Anerkennung seiner Lebensleistung verneige ich mich vor seiner Urne und erkläre:

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

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