Ein Plädoyer für scheißegal

Ich habe Angst vor Religionen!

Religionen sind nicht moderat. Sie sind immer radikal! Es gibt keinen moderaten Islam, sondern nur moderate Muslime. Auch Christen und Juden sind nur dort moderat, wo sie nicht alle Worte der Bibel wörtlich nehmen. Ein Buch mit dem Anspruch Gottes Wort zu sein, kann nicht moderat sein. Dafür ist Gott selbst zu radikal!

Ich liebe Religionen aber auch!

Ich mag zu Weihnachten mit Christen Lieder unterm Tannenbaum singen. Ich liebe es, zu Pessach mit Juden Wein zu kippen und mit Persern an Nouruz übers Feuer zu springen. Religionen sind wunderbar, wenn sie im Familien- und Freundeskreis stattfinden. Im Privaten sind Religionen eine Bereicherung, im Politischen jedoch eine Gefahr.

Ich habe Angst vor Religionen, wenn sie nach staatlicher Macht greifen!

Alle Religionen sind immer nur dann tolerant, wenn sie keine staatliche Macht haben. Das Christentum wurde tolerant, nachdem die Aufklärung gesiegt hatte. Zurück ins Mittelalter möchte ich nicht. Dafür fürchte ich das Christentum zu sehr. Ich fürchte auch den Islam. Ja, nennt mich islamophob!

Ich habe Angst vor dem Islam, weil ich in Deutschland lebe. In manch einem anderen Land wäre ich weitaus gelassener. Ich lebe aber in einem Land, in dem eine gewisse Religion ein staatlich subventioniertes Recht auf Diskriminierung besitzt: das Christentum!

Ein katholisches Krankenhaus, das staatliche Gelder erhält, darf einen Chefarzt entlassen, wenn er nach seiner Scheidung erneut heiratet. Das entschied erst jüngst das Bundesverfassungsgericht.

In vielen deutschen Bundesländern darf an Karfreitag nicht öffentlich getanzt, Theater gespielt oder Musik gespielt werden, da das einige Christen in ihrem Glauben beleidigen könnte.

Die religiöse Ruhe am Sonntag ist für viele Unternehmerinnen und Unternehmer verpflichtend, egal welcher oder ob sie überhaupt einer Religion angehören. Viele nationale Feiertage sind zudem christliche Feiertage.

Katholische Einrichtungen erhalten staatliche Zuwendungen, obwohl bei der Vergabe der katholischen Spitzenpositionen (z.B. Priester, Bischöfe, Kardinäle) eine verpflichtende Männerquote von 100% herrscht. Mit dem Artikel 3 des Grundgesetzes ist das zwar nicht vereinbar, aber Steuergelder gibt es dennoch! Der deutsche Staat treibt sogar Kirchensteuern ein!

All diese staatlich subventionierten Diskriminierungen im Namen des Christentums werden mit der vermeintlich christlichen Tradition Deutschlands erklärt. Tradition ist das, was die Mehrheit eines Volkes zur Tradition erhebt. Je größer die Gemeinde der Muslime in Deutschland wird, desto vehementer wird sie genau jene Rechte und Privilegien einfordern, die die Christen besitzen.

Natürlich kann jeder Mensch glauben woran er will. Christen sollen meinetwegen ihre Nonnen verschleiern und Muslime keine homosexuellen Imame ernennen, aber dafür sollte es keinen einzigen staatlichen Cent der Subventionierung geben!

„Der Islam gehört zu Deutschland“, das wusste schon Bundespräsident Christian Wulff. Bald wird der Islam auch zur deutschen Tradition gehören. Da die Christen an Karfreitag allen Deutschen Theater und öffentliche Musik verbieten, werden vermutlich Muslime an einem Tag im Ramadan bald auch allen Deutschen Alkohol verbieten dürfen. Da alle Deutsche Einzelhändler die christliche Sonntagsruhe halten müssen, wird selbiges wohl bald auch für den Samstag oder Freitag gelten.

Weil in Deutschland die Trennung zwischen Staat und Kirche aufgeweicht und teilweise sogar außer Kraft gesetzt wird, weil die Christen in Deutschland in der Mehrheit sind, macht mir der wachsende Einfluss des Islams in Deutschland Sorge.

Ich möchte in einem Land leben, in dem über 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Muslime sein können, ohne das dies einen Einfluss auf mich hat. Ich möchte ein Deutschland, in dem alle Kirchen zu Moscheen werden können, ohne das dies mein Leben verändert! Da ich aber in einem Land lebe, in dem die Kirchen Privilegien genießen, weil es so viele Christen im Land gibt, beschleicht mich Besorgnis bei dem Gedanken, dass der Islam in Deutschland größer wird.

Entweder wird schnell eine wahre Trennung zwischen Staat und Kirche vollzogen, oder aber der Islam wird sich Privilegien wie das Christentum erstreiten und zwar völlig zu Recht!

Ich wünsche mir ein Land, in dem es scheißegal ist, welcher Religion die Mehrheit der Bevölkerung angehört!

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Dem Todenhöfer seine Lieblingssure

Jürgen Todenhöfer hat heute auf seiner Facebook-Seite verkündet, dass er eine „Lieblingssure“ hat:

„In der fünften Sure des Koran, meiner Lieblingssure, heißt es: „Wenn jemand einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet.“

Sure 5 also. Da hol ich doch gleich mal den edlen Qur’an hervor, der mir vor ein paar Monaten von einem Salafisten vor dem Kölner Dom im Rahmen der „Lies“-Aktion geschenkt wurde. Ich bin mal gespannt, wie der von Jürgen Todenhöfer zitierte Satz gemeint ist.

Ach, das ist ja spannend. In der Sure 5 heißt es:

„Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einen Menschen das Leben hält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach beginnen viele von ihnen Ausschreitungen im Lande. Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“

Wenn ein „Verderben im Lande“ geschieht, darf also getötet werden. „Verderben im Lande“, na das ist ja mal etwas, wie soll ich sagen, vage, um nicht zu sagen, durchaus interpretationsfähig und auslegungsbedürftig. Weniger vage, ja geradezu konkret wird der Qur’an, wenn es darum geht, was mit jenen Leuten geschehen soll, die „Verderben im Lande“ anrichten: Vertreibung, Kreuzigung oder wechselweise Hände und Füße ab, je nach Stimmungslage und ortsüblicher Tradition.

Der von Jürgen Todenhöfer zitierte Satz ist somit kein Aufruf zum Bewahren des Lebens, sondern eine Anleitung dazu, wann getötet werden darf, um nicht zu sagen: muss!

Ein „Verderben im Lande“ definiert jeder anders. Für mich ist Jürgen Todenhöfer zur Zeit ein „Verderben im Lande“. Allerdings steht für mich das Grundgesetz über dem Qur’an. Im Grundgesetz gibt es Artikel, keine Suren. Mein Lieblingsartikel ist Artikel 5. Im Gegensatz zur Sure 5 steht dort, dass jeder Mensch ein Recht auf seine freie Meinung hat.

Na, da hat Jürgen Todenhöfer aber noch mal Glück gehabt.

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Das geht runter wie Öl

Ein Lobgesang von Martin Zingsheim.

„Ich möchte heute Nacht einfach mal sagen: Danke, Gerd Buurmann. Was bist Du für ein fleißiger, engagierter, pointierter, streitbarer, stilsicherer, frecher, liebevoller, origineller, anrührender und witziger Kommentator unserer himmlisch absurden Gegenwart! „Tapfer im Nirgendwo“ gehört zum täglichen digitalen Ritus und es ist immer wieder inspirierend, zum Lachen und zum Weinen…Danke, Gerd, für so viel Mühe, Einfallsreichtum und kreativen Wahnsinn!“

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AGB und Facebook

Was würden Sie denken, wenn jemand folgenden Spruch auf sein T-Shirt drucken und dann damit in einen Bahnhof gehen würde?

“Aufgrund der AGB der Deutschen Bahn widerspreche ich hiermit der Aufforderung, mich an die Hausordnung in den Bahnhöfen zu halten.“

Vermutlich würden sie denken:

„Nur weil jemand irgendwo eine Ansage hinschreibt und damit durch Bahnhöfe spaziert, heißt das noch lange nicht, dass die Ansage für die Deutsche Bahn bindend ist. Wenn jemand eine Fahrkarte kauft, dann akzeptiert er damit die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Bahn. So ist es immer, wenn man einen Vertrag macht. Da kann er sich sonst was auf seinen Körper schreiben.“

Eigentlich ganz logisch. Für manche Leute auf Facebook zählen Logik und Geschäftsfähigkeit aber nicht mehr, denn immer mal wieder taucht dieses Posting auf diversen Pinnwänden auf:

“Aufgrund der neuen AGB’s in Facebook widerspreche ich hiermit der kommerziellen Nutzung meiner persönlichen Daten (Texte, Fotos, persönliche Bilder, persönliche Daten) gemäß BDSG. Das Copyright meiner Profilbilder liegt ausschließlich bei mir. Die kommerzielle Nutzung bedarf meiner schriftlichen Zustimmung.

Na dann ist ja alles klar!

Das Posten einer solchen Aussage auf die Pinnwand von Facebook ist für Facebook so bindend wie der T-Shirt-Spruch für die Deutsche Bahn. Die Nutzungsbedingungen von Facebook können nicht geändert werden. Sie werden entweder akzeptiert oder Facebook wird einfach nicht genutzt. Außerdem muss sich Facebook die Veröffentlichungsrechte an den hochgeladenen Bildern sichern, um diese überhaupt darstellen zu dürfen, wenn sie von den Nutzerinnen und Nutzern hochgeladen werden. Das Urheberrecht für selbst erstellte Inhalte bleibt natürlich bestehen. Das kann auch Facebook nicht ändern.

Es wäre schön, wenn diese ständige Panikmache, Facebook sei das Monster unter dem Bett, das in der Nacht angekrochen kommt, um unsere Gehirne zu fressen, aufhören könnte. Wer so eine riesige Angst vor Facebook hat, soll sich doch bitte vom blauen Ungetüm fern halten. Außerdem: Der Plural von AGB lautet AGB.

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Eine Anregung zur Erziehungsfrage

Eine Glosse von Hedwig Dohm aus dem Jahr 1900. Die kursiv geschriebenen Stellen tauchten erst 2014 Tapfer im Nirgendwo auf.

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Als Hauptargument gegen die Frauenbewegung wird wieder und wieder – in neuester Zeit sogar mit galliger Vehemenz oder hymnischer Begeisterung – die Mütterlichkeit des Weibes auf den Schild gehoben, und die Verkümmerung der Kinder malt man als Menetekel den Emanzipationsbeflissenen an die Wand.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Beispiel stellt fest, dass der Islam die Rolle der Frau als Mutter betone. Als Kind, so erklärt er, habe er seiner Mutter oft die Füße geküsst und verweist auf einen überlieferten Ausspruch des Propheten Mohammed, der gesagt haben soll: „Der Himmel liegt zu Füßen deiner Mutter.“ Erdogan fährt fort: „Meine Mutter zierte sich, aber ich sagte ihr immer: ‚Mutter, zieh deine Füße nicht weg, dort ist der Duft des Himmels.‘ Manchmal weinte sie, wenn ich das sagte“.

Ach, ist er nicht rührend. Habt Ihr Frauen denn gewusst, wie heilige Wesen Ihr seid? Und bläht Ihr Euch nun vor Stolz? Riecht Ihr unwillkürlich den Duft Eurer Füße, und schnüffelt danach, ich fürchte etwas maliziös, an den Füßen Eurer Mitschwestern?

Mit den sublimsten, innig poetischen Worten psalmiert Erdogan das hohe Lied von der Mutterherrlichkeit des Weibes. Und mit denselben literarisch wirkungsvollen Wiederholungen, wie er der Frau die Gleichberechtigung abspricht, ätzt er das einschmeichelnde Märchen von des Weibes Natur in das Gehirn der Zuhörer. Erdogan, der Herrenmensch, befiehlt: “Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur!”

Aber nicht nur aus den Reihen der Gegner der Frauenbewegung, auch von Seiten derjenigen, die, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, Förderer der Bewegung sind, ertönen Warnungs- und Alarmrufe.

Neben der Mutterliebe und -Fürsorge ist es vornehmlich die erziehliche Tätigkeit der Mutter, die man durch die Unterminierarbeit der Frauenrechtlerinnen bedroht sieht. Die Erziehung der Kinder soll die eigentliche Tätigkeitssphäre der Frau sein.

Je älter ich werde, je mehr staune ich über die menschliche Virtuosität im Erträumen, Erdichten und freien Erfinden von Zuständen und Verhältnissen, die kaum irgendwo existieren, ich staune über die unverfrorene Dreistigkeit im Ableugnen und Hinwegsehen, Tatsachen gegenüber, die offen vor aller Welt liegen.

Dass die Mütter die geborenen und notwendigen Erzieherinnen ihrer Kinder sind, gehört zu den Erlogenheiten, die überall Kurs haben, und die man als Trumpf gegen die moderne Frauenbewegung ausspielt. Und doch bedarf es hier nicht einmal eines tieferen Nachdenkens – ein flüchtiges Hineinblicken in das positive Leben genügt, um zu erkennen, dass im Großen und Ganzen die Mütter die schlechtesten Erzieherinnen ihrer Kinder sind. Man frage nur die eine Mutter, was sie von der Erziehung der anderen Mutter hält, und man wird die härtesten und schroffsten Urteile hören.

Ja, nimmt man denn an, dass auch die vielen, vielen Frauen, die als Nichtmütter kaum den bescheidensten Ansprüchen an Moral und Klugheit genügen, als Mütter sich in Tugendspiegel und geistige Potenzen verwandeln? Dass sie, plötzlich von einem Drang zum Idealismus befallen, herrlich erzieherisch auf ihre Kinder wirken werden?

Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Frauen als erziehende Mütter dieselben Eigenschaften an den Tag legen werden, die auch sonst im Leben an ihnen zu schätzen oder zu verwerfen sind? Eine oberflächliche törichte Frau wird ihre Kinder töricht erziehen, und es wäre in diesen Fällen ein Segen für die Kinder, wenn ihre Kraftentfaltung woanders als in der Kinderstube vor sich ginge.

Wo und wie soll denn auch die Frau – falls nicht die Kraft des Mutterinstinkts Wunder in ihr wirkt – die eminenten Fähigkeiten, die das Erziehungswerk erfordert, erwerben? Etwa in der höheren Töchterschule? Die Apologetinnen der Mütterlichkeit sperren sie ja schon von der Geburt des ersten Kindes an (das sie naturgemäß in jungen Jahren zur Welt bringt) in die Kinderstube, noch dazu mit der ungebildeten Kinderfrau zusammen.

Die meisten Mütter erziehen ganz willkürlich, regellos, in Anfällen, mit Plötzlichkeiten, je nach ihren Impulsen, ihrer subjektiven Stimmung. Zum Erziehungswerk aber gehören nicht nur die auserlesensten Geistes- und Gemütsqualitäten, es muss auch noch ein spezifisch pädagogisches Talent dazu kommen.

Warum hat Rousseau, der eins der epochemachendsten Bücher über Kindererziehung schrieb, seine fünf Kinder ins Findelhaus gegeben?

Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er es tat, weil die Mutter der Kinder, Therese Lavasseur, nicht eine einzige der Eigenschaften hatte, die zur Erziehung taugen, und er die ungewisse Möglichkeit, die das Findelhaus bot, der gewissen Unmöglichkeit der mütterlichen Aufziehung vorzog.

Die Emanzipationsbestrebungen tragen kaum seit einem Jahrzehnt Früchte. So war ja wohl bisher dem Erziehungsdrang der Mutter keine Schranke gezogen. Und die Resultate?

Müsste nicht jede Mutter, die einen Sohn hat, schaudernd erbeben, wenn sie von der Wüstheit des Studentenlebens erfährt, von dem Sauf- und Raufreglement (noch viel Schlimmeres gar nicht zu nennen), dem die meisten dieser kaum flüggen Knaben verfallen?

Wo waren die mütterlichen Erzieherinnen, die eine Saat in die jungen Seelen streuten, der solches Unkraut nie hätte entsprießen dürfen?

Nein, die Mutterliebe wirkt auf dem Felde der Erziehung keine Wunder. Gerade sie ist es, die die Erziehung eher hemmend als fördernd beeinflusst, die der Mutter das klare, objektive Urteil über den Charakter ihrer Kinder raubt, das die Vorbedingung jedes fruchtbaren erziehlichen Wirkens sein muss.

Die fast absolute Unkenntnis der meisten Mütter, was den Charakter ihrer Kinder betrifft, ist angetan, Staunen und Mitleid zu erregen. Das Mitleid freilich ist unangebracht, denn wüssten die Mütter oft, wer und was ihre Kinder sind, es öffnete sich ihnen eine unversiegbare Quelle des Grams. Wer wagt es, einer Mutter die Wahrheit über ihre Kinder zu sagen (und wäre es auch nur die, dass ihre kleinen Genies kaum Dutzendgeschöpfchen sind)? Nur wer sich nicht scheut, Wunden zu reißen, aus denen Herzblut quillt. Und sie wären auch unnütz, diese grausamen Verletzungen. Zeichne selbst der klügsten Frau ein treffendes Charakterbild ihres Kindes – sie wird es für eine unverschämte, lieblose Karikatur halten; dieselbe Frau, die vielleicht, wo es sich um die schlimmen Eigenschaften fremder Kinder handelt, den denkbar schärfsten Blick hat. Diese Klugen wären möglicherweise befähigt, fremde Kinder zu erziehen, ihre eigenen – nicht.

Aber nicht nur durch Verblendungen der Liebe, auch durch Härte und Strenge sündigen Mütter oft genug an den Kindern. Wehe den Kindern, wenn ihre strengen, energischen Mütter nicht zugleich mit starker Intelligenz, mit Güte und feinstem Verständnis für die Kindespsyche begabt sind. Sind sie es nicht, so fällt ihre Prinzipienstrammheit vergällend und vergiftend auf die zarten Jugendblüten, macht die derber Gearteten dickfellig, die zarter Organisierten werden verschüchtert oder gebrochen. Solche hartnervigen Damen mit plumpen Händen und groben Seelen verwechseln Abrichtung mit Erziehung, und verraten nicht selten eine gefährliche Neigung zur Prügelpädagogik, die scheußlichste aller Erziehungsmethoden, die einen Stich ins Henkerhafte hat. Schon die Vorstellung davon müsste jeder Mutter Blut zum Zorn aufpeitschen, und ich begreife nicht, dass die Mütter, deren Kinder in den Schulen von Lehrern grausam gemisshandelt wurden, diesen Lehrern nicht an die Kehle springen und sie würgen, würgen bis sie – halbtot sind.

Kann man verhindern, dass die Mutter, die jedes pädagogischen Talents bar ist, erzieherisch auf die Kinder einwirke?

Nein – das kann man nicht. Ob sie will oder nicht will, ob sie dem Kinde schadet oder nützt, sie tut es in jeder Stunde ihres Lebens, in der sie mit den Kindern zusammen ist.

Es gibt eine Art der Erziehung, die von einer Kraft und Wirksamkeit ohnegleichen ist, die keine direkte Tätigkeit erfordert, kein pädagogisches Talent, keine Zeit, keine Mühe. Es ist das Beispiel der Eltern. Wer je über Erziehung ein Wort gesagt oder geschrieben, hat auf dieses stärkste aller Erziehungsmittel hingewiesen. Es liegt auf der Hand, es drängt sich dem Gedankenlosesten auf. Kinder sind oft geradezu die Affen der Eltern.

Und was ist daraus zu folgern? Das liegt auch auf der Hand: die Selbsterziehung der Mutter. An jedem Guten, das die Mutter in sich entwickelt, haben die Kinder teil, an jedem Bösen auch. Die Mutter ernährt gewissermaßen das Kind geistig mit sich selbst.

Oft wird für eine systematisch gute Erziehung gehalten, was einfach die Eigenart des Vaters oder der Mutter an den Kindern bewirkt hat. Ich weiß ein markantes Beispiel:

Die Kinder der Frau, von der ich sprechen will, erregen das Erstaunen aller Welt und den Neid der Mütter durch die Reife ihrer Intelligenz, die Selbständigkeit und Klarheit ihres Denkens. Man findet nicht Worte genug, um die ausgezeichnete mütterliche Erziehung, der man diese Resultate zuschreibt, zu rühmen. In Wahrheit aber lag nicht die geringste bewusste erzieherische Absicht der Mutter vor. Diese Mutter ist eine Frau von starker Intelligenz und schärfster Logik. Faseleien, leeres Geschwätz, selbst nur konventionelles Hinreden sind ihr nicht nur bei ihren Kindern, auch bei allen Personen ihres Umgangskreises unerträglich. Durch ihr schroffes Zurückweisen von Urteilen und Behauptungen, die nicht begründet werden, von Banalitäten, schüchtert sie die Selbstbewusstesten ein und zwingt sie zu denken, ehe sie reden, oder – zu schweigen. Und allein der Persönlichkeit, der Wesensart dieser Mutter, der ein bewusster Erziehungsplan fern lag, verdanken die Kinder ihre Intelligenzqualitäten, ihre frühzeitige Vernunft- und Denkentwicklung.

Wohl kann ich mir die Kindeserziehung als einen Daseinszweck des Weibes denken, als eine produktive Schöpfung ersten Ranges, eine Schöpfung, die aus dem Kindmaterial mit seinen Künstlerhänden ein bis in die subtilsten Details ausgeführtes Meisterwerk emporwachsen lässt. Die Pädagogin aber wird wie die Künstlerin geboren.

Ich kenne kaum eine Frau (aus der Geschichte höchstens die Mutter der Gracchen oder die der Makkabäer), die dieser hohen künstlerisch-ethischen Aufgabe gewachsen wäre oder die sie nur auf sich genommen hätte.

Wenn nun in der Regel nicht die Mütter, nicht die Väter, nicht die Lehrer (Lehrer sind nur ausnahmsweise Erzieher) die rechten Jugendbildner sind, wo finden wir sie?

Vorläufig kaum irgendwo, es sei denn, dass ein Glück wie aus der Götter Schoß (es heiße Vater, Mutter oder Lehrer) dem Kinde hold ist.

Im Schoß der Zukunft aber ruhen noch soviel Erleuchtungen, zu erhellen, was uns heut noch dunkel ist. Einen Schimmer dieses Lichts der Zukunft zu erspähen, bin ich nicht die erste. Ich sehe eine priesterliche Kaste von Erziehern erstehen, Erziehern, wie ähnlich der Griechenjüngling sie in Plato und Sokrates fand, wie sie vorläufig nicht existieren, aber in Zukunft existieren können und werden. Der Stand der Erzieher müsste der vornehmste der Nation sein, ein ehrfurchtheischender. Soll der Dichter mit dem König gehen, um wie viel mehr der Jugendbildner, denn ein Seelenschöpfer ist er, dem kein größter Dichter sich vergleichen darf.

Es schweben mir ideale Erziehungshäuser vor – es können auch Villen oder Paläste sein, säulengetragene meinetwegen, hohe, sonnige Räume mit großen Gärten, die Wände mit edlen Kunstwerken bedeckt, Fresken, die zugleich als Lehrmittel für die Geschichte dienen könnten.

Es brauchte nicht gerade eine Massenerziehung zu sein. Den subtilsten Gliederungen wäre freier Spielraum zu lassen.

Bei der Erziehung im elterlichen Hause sind die Kinder der Willkür Einzelner preisgegeben, sie mögen sein, wie sie wollen, bös oder gut, dumm oder klug, und wären sie auch gut und klug, sie könnten dennoch – selbst im Verein mit der Schule – der Vielseitigkeit einer idealeren Erziehungsweise nicht entsprechen, einer Erziehung, die im Kinde gleichzeitig Sinne und Seele für Schönheit und Natur, für Wissen und Adel der Gesinnung erschließen soll. In den meisten Fällen dürften schon zu karge Mittel Fürsorge und Erziehung im Elternhause nach allen Richtungen hin hemmen.

Wahrlich, die Zahl der Elternhäuser ist klein, von denen wir sagen möchten: hier ist das Milieu, wie es sein muss, um dem Kinde zu geben, was des Kindes ist, auf dass der Wahrspruch: „Das Beste ist gerade gut genug für die Kinder“ (eins der beliebtesten Zitate) sich erfülle.

In Erziehungsstätten würden die Kinder nach den höchsten Erkenntnissen, die die Zeit überhaupt zu bieten imstande ist, erzogen werden, immer unter der Voraussetzung, dass ihre Leiter auf der Menschheit Höhen wandeln, dass ihr Gemüt groß und rein, und liebevoll wie ihr Geist frei und hoch ist, dass sie echt Jünger Christi sind, der da sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“

Gewiss kann nicht jeder einzelne Lehrer oder jede Lehrerin den höchsten Anforderungen entsprechen, aber der Geist des Ganzen wird jedes einzelne Glied durchdringen. Der Leiter oder die Leiterin wird dem Kapellmeister gleichen, der dem Orchester Ton und Rhythmus gibt.

Eine Utopie? Ja! aber Utopie ist alles, was jenseits eines Berges von Schwierigkeiten liegt. Die größten Hindernisse aber werden genommen, Berge werden abgetragen von dem unaufhaltsam fortschreitenden, allgewaltigen Stürmer „Zeit“.

Als ich mit einer Mutter von dieser Erziehungsweise reden wollte, unterbrach sie mich: „Ich habe meine Kinder geschaffen, und ich will auch meine Freude an ihnen haben“, eine Meinungsäußerung, die wohl so ziemlich allen Müttern aus der Seele gesprochen ist.

Darauf wäre der Mutter zu erwidern: Erstens: An deinem Schaffen und Gebären der Kinder kommt dir kein Verdienst zu. Du folgtest damit nur dem Naturtrieb der Fortpflanzung, ob feinere oder gröbere Erotik ihm zugrunde lag.

Zweitens: Ein Teil der Mutterfreuden besteht darin, dass die Kinder Tätigkeitsobjekte für die Mutter sind. Unser Herz wächst allmählich in unsere Tätigkeit hinein. Wenn ich als Malerin meine Kräfte der Aufgabe widmete, Kinder zu malen, anstatt sie zu gebären, würde ich auch die gemalten Kinder zärtlich im Gemüte hegen. Ich kenne Frauen, die Kinder adoptiert haben, ihre Freude an dem fremden Kinde gab der Freude, die eine Mutter an dem eigenen hat, nichts nach.

Das krasseste Beispiel eines leidenschaftlichen Genießens der eigenen produktiven Arbeit liefert jener Goldschmied, der die Käufer seiner Schmucksachen ermordete, weil er sich von seinen Schöpfungen nicht trennen vermochte.

Drittens: Müsste die Mutterfreude nicht wachsen im Verhältnis zum intellektuellen und seelischen Wachstum des Kindes?

Ist die Freude am Kinde nur auf die räumliche nächste Nähe beschränkt? Und lebt sie nur von der Vorstellung: Das ist dein Fleisch und Blut?

Preist man nicht in allen Zungen die Opferfreudigkeit der Mutter, ihre Bereitwilligkeit, selbst für ihre Kinder in den Tod zu gehen!

Wie? und diese Opferfreudigkeit versagt bei dem Kernpunkt, da, wo es sich darum handelt, der Entwicklung des Kindes einen grenzenlosen Spielraum zu gewähren? Sie versagt, weil die Mutter eine Beeinträchtigung ihres Genusses an dem Kinde fürchtet?

Steht das Recht der Kinder an der denkbar vornehmsten Kultur höher, oder der Genuss der Mutter an ihrem Kinde!? Antworte – Mutter!!

Viertens. Die Beeinträchtigung der Mutterfreuden durch die Erziehungsanstalt ist möglich, sicher und unvermeidlich ist sie nicht. Es kann keine Rede davon sein, dass durch die Erziehungsstätten die Eltern außer Verkehr mit ihren Kindern gesetzt werden. In welcher Art dieser Verkehr zu regeln wäre, wer wollte das heute sagen! Ich meine aber, wo ein natürliches, gerechtes und starkes Bedürfnis vorliegt, werden sich Organisationen schaffen lassen, die diesem Bedürfnis entgegenkommen. Müssen nicht auch jetzt schon Eltern, die auf dem Lande oder in kleinen Städten leben, ihre Knaben vom zehnten oder elften Jahr an in größere Städte auf ein Gymnasium und in Pensionen schicken? Wurden die Familienbande dadurch gestört oder auch nur gelockert? Im Gegenteil, die Ferienbesuche, die Briefe, die man schreibt und empfängt, das Abschicken der kleinen Kisten mit Naschwerk und anderem hübschen Kram, der Wechsel von Trennung und Wiedersehen – das alles knüpft die Familienbande nur umso fester und inniger. In England ist es selbstverständlich, dass ein Knabe schon vom siebten Jahr an einem Institut übergeben wird.

Ein winziger Anfang für die ideale Erziehungsart, die ich im Sinne habe, wird gegenwärtig in einer Anstalt in Ilsenburg, nach dem Muster der englischen Erziehungsanstalt Emlostobea, gemacht. Sie besteht seit kaum drei Jahren. Ob sie den Intentionen des edlen Stifters entsprechen wird, ist abzuwarten. Immerhin stehen einem Privatunternehmen nicht annähernd die Mittel zur Verfügung, um Kinderstätten in dem großen Stil, der allein ihnen ziemt, ins Leben zu rufen.

Woher aber alle diese priesterlichen Erzieher, diese Weisen (sieben hatte ja nur das Morgenland) nehmen?

Man hat die Buchdruckerkunst erfunden, weil die Menschheit sie brauchte, man wird in Zukunft die Erzieher haben, weil sie das Recht der Kinder sind. Jugenderziehung ist Menschheitserziehung. Der Jugendbildner hält die Zukunft in der gesegneten Hand.

***
(TINHED)

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EUROPA und ISRAEL

Ein episches Thema, facettenreich und ohne Lernkurve. Epische Splitter zur Überlegung von Naftali Neugebauer.

Warum will die EU die Teilung Jerusalems und die Zerschlagung Israels? Es ist Ökonomie! Aber dies bedarf einer gewissen Vorrede, denn es geht neben Ökonomie auch um ein kompliziertes Verhältnis, wo der eine Täter, der andere Opfer ist. Klingt simpel, ist es aber nicht.

Kein einziges Mal hatte Israel in seiner Geschichte versucht, Europa zu erobern, zu unterwerfen oder gar zu vernichten, weder im Wollen noch in Wort oder Tat, im Gegensatz zum Islam, wie man ihn beispielhaft – und in durchaus unterschiedlichen Qualitäten – durch al-Andalus, das Osmanische Reich oder aktuell den Islamischen Staat (IS), Iran oder Saudi-Arabien als repräsentiert erachten kann. Diese Reiche und ihre Praxis als nicht-islamisch zu definieren, wäre ebenso ein Unsinn, als wolle man beispielsweise das Heilige Römische Reich als nicht-christlich oder die DDR als nicht-kommunistisch ausgeben wollen.
Aber das sind wissenschaftlich-terminologische Fragestellungen, die ich hier nicht ausargumentieren, sondern nur das Resultat präsentieren möchte: Ja, man kann abstrahiert von dem Islam sprechen, ebenso wie man es vom Judentum, Christentum oder Kommunismus kann. Den Islam davon auszunehmen, wäre eine Bankrotterklärung der kritischen Wissenschaft und darf sich nicht durch den Kampfbegriff „Islamophobie“ iranischer Ajatollahs einschüchtern lassen. Dieser Begriff ist gegen Aufklärung und wissenschaftlichen Diskurs gerichtet, der jede kritische Auseinandersetzung mit dem Islam denunziert. Ein Begriff, nebst bemerkt, der in sich unsinnig ist.

Doch zurück zur Tatsache, dass das Judentum nie versuchte oder dachte, Europa oder irgendein anderes Reich erobern zu wollen. Warum? Schlicht und ergreifend, es gab keine kulturelle wie religiöse Grundlage für irgendeinen jüdischen Expansions- und Eroberungswillen! Man war ja bereits im von G’tt gegebenen gelobten Land mit Jerusalem als Sitz G’ttes und Hauptstadt Israels. Man musste nicht mehr irgendwohin. Die Grenzen sind genau definiert. Es gibt keine Legitimation in der Tora zur Expansion. Man war da, angekommen im Zuhause, in Eretz Israel und dazu kommt, dass dem Judentum die Idee der Mission fremd ist.

Umgekehrt hat das Judentum so etwas wie europäische Geistesgeschichte erst möglich gemacht. Das Judentum hat die Idee der Freiheit, des Rechts und einiges mehr nach Europa gebracht. Kein einziger zivilisatorischer Fortschritt hat in Europa ohne Juden stattgefunden. Er wurde maßgeblich mitgestaltet, wenn nicht gar initiiert. Dieses Gestalten gilt umso mehr, wenn man das Christentum als eine Religion, die sich aus dem Judentum heraus entwickelt hat, begreift.

Im Gegensatz dazu hat der Islam – politisch repräsentiert durch seine verschiedenen Reiche – bis heute kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um Europa zu erobern, zu unterwerfen oder vernichten zu wollen. Ja mehr noch, er hat sich gemein gemacht mit dem Nationalsozialismus, wie die Allianz zwischen Hitler und dem Großmufti von Jerusalem belegt. Ihr gemeinsames „Ziel“: Die Vernichtung des Judentums. Aber auch dies muss hier nicht weiter vertieft werden.

Also zurück: Warum hasst Europa und die islamische Welt die Juden? Warum ist das so? Flavius Josephus und Götz Aly, es liegen rund 2000 Jahre zwischen ihnen, haben sich, wie so viele andere auch, diese Frage gestellt: „Woher kommt der Hass auf (uns) Juden?“ Beide kamen zu derselben Antwort: Es ist der Neid auf den Erfolg und auf das Glück der Juden! Dies mag der eine Teil der Erklärung sein. Andere meinen, es gäbe gar keine Erklärung, es sei tief irrational. Man kann daher „Antisemitismus“, nennen wir ihn präziser Judenhass, nicht restlos erklären. Meiner Ansicht nach widersprechen sich beide Positionen nicht, aber das ist ebenfalls ein anderes Thema.

Der andere ergänzende Teil der Erklärung ist, dass weder Europa noch später die islamische Welt sich selbst, sprich autochthon, die Frage über die Grundlage der Souveränität gestellt haben: die Freiheit. Der Bürger kam sehr spät als souveränes Subjekt in die Geschichte Europas (Französische Revolution) und kaum fand er sich in einigen Regionen Europas, da wurde er auch schon durch den Nationalismus, Kriege und Auswanderung hinweggespült. Den Rest besorgten Hungersnöte, Epidemien und Phasen kollektiven Wahnsinns, wie z.B. die sogenannten Hexenverbrennungen und Pogrome.

Zu diesem Zeitpunkt stand der Jude schon seit rund 3.000 Jahren seinem als höchsten Herrscher und König verstandenen G’tt auf Augenhöhe gegenüber, mit dem er kämpfte, stritt und feilschte, ja sich freiwillig entschied, die Tora anzunehmen und sein Knecht zu sein. Die große Aufgabe: Gottes Werk zu vollenden. Und in der islamischen Welt wartet man noch immer, bis der Bürger und die Idee der Freiheit ihre geschichtliche Bühne finden und betreten.

Die Pflanze der Freiheit konnte in Europa kaum Wurzeln fassen, weshalb sie schwach blieb und auch rasch durch das Christentum verbogen worden ist. Juden waren und sind eine permanente Erinnerung an das eigene Scheitern an den großen Idealen, die Europa so gerne bei Sonntagsreden und anderen festlichen Anlässen vor sich herträgt, wie eben Freiheit und Rechtsstaat, so wie Juden ein massives theologisches Problem sowohl für den Islam als auch für das Christentum bis in die Moderne hinein darstell(t)en, denn es dürfte für den vor-modernen Islam und das vor-moderne Christentum den Juden gar nicht geben. Seine schiere Existenz ist Beweis für das Scheitern der jeweiligen Theologie. Wobei weder im Falle Europas noch in der Theologie Juden je dazu befragt worden sind, doch das ist ein anderes Kapitel. Ähnlich verhielt es sich mit der Modernen, wie man bei Marx und anderen gut studieren kann. Das Judentum zeigt auch da sich widerspenstig.

So kommt zum Neid die Wut und der Zorn des Abgewiesenen hinzu sowohl in Europa als auch im Islam. Neid alleine wäre nicht so schlimm, er kann sich positiv wenden, indem man vielleicht den Wunsch entwickelt, nachzuahmen und sich nachholend zu entwickeln. Kommen aber zum Neid die Wut und der Zorn hinzu, dann ist der Weg in doppelte Standards, Pogrome und Schlimmeres geebnet und der Weg hin zur Freiheit verstellt. Denn Wut und Zorn erschweren Selbsterkenntnis. Und bekanntlich ist es so, dass der zornige Mensch am Ende des Tages sich selber am meisten schadet.

Diese beiden Ausgangspositionen – Neid und Wut – führen zu einer Haltung gegenüber Juden und heute Israel, die man als Heuchelei und Inkonsistenz bezeichnen muss. Wann immer Europa versucht, eine Antwort auf die schon wahnhaft formulierte „jüdische Frage“ zu finden, misst es mit zweierlei Maß, ohne dies zu verstehen und damit zu erkennen. Wer die falsche Frage stellt, bekommt immer eine falsche Antwort. Juden und heute Israel sind der blinde Fleck Europas, worüber Europa nicht richten kann und auch nicht darf. Europa von Alexander dem Großen über das Römische Reich wie die islamischen Reiche haben versucht, das Judentum zu vernichten, bestenfalls in einer untergeordneten Rolle durfte es Phasen der Nicht-Verfolgung, der leidlichen Tolerierung erleben.

Das ist die Tragik Europas und der arabischen Welt, die mehr gemeinsam haben, als ihnen vielleicht lieb ist: Sie haben beide Angst vor der Freiheit, der Selbstbestimmung und Souveränität und hassen daher jenen Teil der Juden, die diese Ideen für sie erfolgreich repräsentieren, ohne freilich dies differenziert sehen zu können: Es ist immer imaginiert „der Jude“. Denn eines wird heute immer klarer und sollte Entscheidungsträgern zu denken geben: Keines der Reiche, die versucht haben, das Judentum auszulöschen, hat überlebt. Vom Alten Ägypten bis hin zum sogenannten „Dritten Reich“. Das Judentum schon.

Der Vernichtungsgedanke war früher kein Problem, er konnte ungeniert vorgetragen werden. Aber heute ist es ein Problem. Ein simpel vorgetragener Vernichtungswunsch würde das heutige Europa de-legitimieren, weil es sich als ein demokratisches Europa verstehen möchte. Es taumelt so zunehmend und bringt es in unhaltbare Positionen, denn der Wunsch nach Vernichtung lebt: Israel baut Häuser für seine Bürger in einem Land, welches völkerrechtlich, historisch und moralisch jüdisch ist und Teil von Israel – Jerusalem, Samaria und Judäa – darstellt, was Europa dazu treibt, Israel zu verurteilen, Botschafter einzubestellen und ein erfundenes „Palästina“ als Staat anzuerkennen. Europas Politik ist nach wie vor ein Echo der Haltung vom Römischen Reich gegenüber Jerusalem. Auf der anderen Seite feuert die islamische Terrororganisation Hamas täglich Raketen auf Israel und die PA lässt keinen Tag verstreichen, ohne nicht Hassparolen und Terror zu verbreiten. Hamas und PA sind nicht umsonst in einer Einheitsregierung; sie sind eine Einheit. Sie wollen beide die Vernichtung des Staates Israel und sind gegen Demokratie und Menschenrechte. Der Anschlag auf die betenden Juden in der Synagoge in Jerusalem im November 2014 hat es bewiesen: Vier Rabbinen wurden ermordet und zehn Menschen schwer verletzt.

Dazu schwieg Europa, ja es finanziert weiterhin diesen Terror im erheblichen Ausmaße mit und fordert sogar jüngst wieder die Teilung der jüdischen Hauptstadt Jerusalem. Es gab im November 2014 keine Einbestellung der palästinensischen Vertreter durch die europäischen Staatskanzleien und mehr noch, man versuchte mit der Terrororganisation Hamas eine Basis zu finden, um gegen Israel vorgehen zu können.

Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, aber auch die behaupteten europäischen Werte, die da Freiheit, Frieden und Rechtsstaat sein sollen, werden verraten. Dies waren nie wirklich europäische Werte, leider. Die Firniss der Zivilisation ist dünn und zerbrechlich. Es gab wohl Zentren, wo diese Ideen kurz herrschten, aber nicht flächendeckend. Europa muss sich diese Werte noch weiter erringen und nachhaltig erkämpfen und vertiefen. Sie stehen heute wieder auf dem historischen Prüfstand. Demokratie ist in Europa stets reversibel, Freiheit ist kein unumkehrbares Prinzip in Europa. Die Firniss ist dünn, wie die Schoa bewiesen hat.

Eine Lektion mag man spekulativ ziehen: Jedes Mal, wenn sich Europa gegen Freiheit und Juden gewandt hat, war es zum Nachteil Europas, hat zu Untergang, Gewalt und Elend geführt. Vielleicht lernt ja Europa diesmal und begeht nicht denselben Fehler wie seit Jahrtausenden immer wieder, nämlich zu glauben, die Idee der Freiheit missachten und zerstören zu können. Moses Mendelssohn, der große jüdische Philosoph, hat richtig geschrieben: „Despotismus jeder Art reizt zur Widersetzlichkeit.”

Die ökonomische Frage

Nach dieser umständlichen Vorrede und Einleitung, was ist heute anders? Noch immer nur Neid und Wut? Nein! Heute kommt eine neue Qualität hinzu, die es in der komplizierten Geschichte europäischer (antiker) Mächte zu Israel und später Juden nicht gab. Heute kommt noch Angst hinzu. Heute ist Israel ein potentieller Konkurrent in der Wirtschaft und Wissensproduktion, der seinen Wettbewerbsvorteil auch behaupten kann. Im Feld Wissensproduktion und Innovation ist Europa bereits hoffnungslos zur jüdischen Kultur abgeschlagen, wie die Zahl der Innovationen, Start-ups und Nobelpreise als eine mögliche Messlatte beweisen.

Dies drückt sich in harten Zahlen der Wirtschaft aus. Im zentralen Segment der Wirtschaft – Venture Capital (VC) – konnte Israel 2012 rund € 1,7 Mrd. VC an Land ziehen, die EU hingegen, so muss man sagen, „nur“ € 2 Mrd. Die Wachstumsrate für VC ist in Israel 2012 rund 17% und in Europa gerade mal 5%. Hier hat Israel schon fast in absoluten Zahlen ausgedrückt deutlich die Nase vorn, obwohl beide Hände am Rücken gebunden sind, dank einer Politik der Obstruktion durch die EU, denn es gilt, einen Konkurrenten um das stets knappe und umkämpfte Gut „Geld“ auszuschalten.

Aber nicht nur jetzt und hier liegt ein Problem für die EU, sondern auch in Frage der Zukunft und dem Potential als Wirtschaftsraum. Netanjahu hat in einer Grundsatzrede 2014 vor dem AIPAC ein Angebot an die arabische Welt gestellt, das in Kurzform lautet: Wenn ihr Demokratien werdet, dann machen wir einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Eine Botschaft, die Panik nicht nur bei den islamistischen Diktatoren, sondern auch in Teilen der Entscheiderkreise der EU und der USA hat auslösen lassen.

Ein wirtschaftlich vereinter Naher Osten! Denkbar nur mit der Übergangsphase der Spaltung arabischer Staaten in demokratische und islamistische Staaten; so wie einst Europa in demokratische und kommunistische Staaten gespalten war. Für lupenreine arabische Demokratien gibt es einen Marshallplan de-luxe und für die anderen: „No Deal, No Appeasement“. Ich denke, der Islamismus erledigt sich dann rasch. Menschen wollen Frieden, Wohlstand und Demokratie und keine Armut, keine Scharia und islamischen Diktaturen, wenn sie denn wählen könnten. Die Innovationskraft Israels und das arabische Kapital und ein Markt von ca. 400 Millionen Menschen können einen prosperierenden Markt unter dem Vorzeichen Demokratie schaffen. Diese Vision ist für eine EU, wie sie jetzt aufgestellt ist, eine Bedrohung. Die EU handelt im Reflex: Israel und weitere demokratische Staaten (Kurden) und damit Frieden im Nahen Osten zu verhindern. Die EU hat bei einem Frieden im Nahen Osten kurzfristig am meisten zu verlieren. Aber langfristig am meisten zu gewinnen. Es ist so von den USA völlig rational, den Frieden zu obstruieren. It’s the economy, stupid! Es hat nichts mit Verschwörung, sondern alles mit Wirtschaft zu tun. Aber man kann eine win-win Situation herstellen, wenn die EU ihren Neid, Wut und Angst überwindet und rationale Politik beginnt zu betreiben.

Aber noch setzt man alles dran, dass der Judenhass bleibt, der Frieden wird durch die USA und EU hintertrieben und an-sich unhaltbare Diktaturen mit ihren unhaltbaren Forderungen (Vernichtung des Staates Israel und aller Juden) an der Macht gehalten und appeast so weit es eben geht, denn es sollen ganz sicher keine weiteren Demokratien im Nahen Osten (Kurden) entstehen, so der Eindruck, den man aus den Politiken der EU schließen muss. Europa zahlt lieber jeden Preis, als einen Mitbewerber vor der Haustür zu haben. Die arabisch-islamische Welt, ihre Bürger hätten es so in der Hand: Wohlstand und Demokratie oder Hass und Krieg zu dem Preis ihrer anhaltenden Verelendung fortzusetzen. In jedem Fall ist der arabische Bürger für den Zustand mitverantwortlich.

Ein rasender, tobender Islamismus vernichtet mit jedem Tag mehr und mehr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Man kann dies sehr gut aktuell studieren anhand des IS und dem zaghaften, ja sanften Agieren der NATO gegenüber dem IS auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Verhinderung eines demokratischen Kurdistans durch die NATO, die EU und USA. Die EU hat ein strategisches Ziel: Israel, demokratische Staaten und damit einen Frieden im Nahen Osten zu verhindern, denn die EU hätte bei einem Frieden im Nahen Osten am meisten zu verlieren. It’s the economy, stupid!

Doch vielleicht kann Europa seinen Neid, seine Wut und seine Angst überwinden und Teil dieser demokratischen Perspektive werden. Die EU agiert irrational. Sie hält islamische Diktaturen an der Macht und will mit Palästina eine weitere schaffen. Die EU hat es mit in der Hand, eine neue Wachstumsphase möglich zu machen. Auch zu ihrem eigenen Wohl. Eine Art Marshallplan (ERP) für die Demokratien im Nahen Osten ist gefordert. Aber nur für Demokratien. Das geht freilich nicht mit Judenhass, der Jerusalem teilen und Israel vernichten will. Und das geht nicht ohne eine Demokratisierung der EU.

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Ein paar Worte

Ein Kommentar von David Serebrjanik.

Ein paar Worte an einige mir persönlich bekannte sowie unbekannte Meinungsträger, die sich stets der deutschen Verantwortung in der Geschichte bewusst sind, dieser Umstand sie aber nicht daran hindert, Israel zu „kritisieren“:

Ich setze dieses Wort „kritisieren“ bewusst in Anführungszeichen, da es meistens nicht viel mit Kritik zu tun hat. (Warum kritisieren sie nicht einmal Israel dafür, zu nachgiebig und weich zu sein im Umgang mit dem hasserfüllten Mob und dessen Anführer?) Nein. Es ist einseitige und blinde „Kritik“, die auf diesem urewigen dunklen Etwas basiert, was manche, nein, viele Menschen empfinden, wenn sie das Wort „Jude“ hören. Ich kann solchen Menschen nicht helfen, denn solche Menschen sind krank.

Wem das Wort „Jude“ ausreicht, um gleich einen innerlichen Stempel mit dem Adjektiv „böse“ darauf zu setzen, ist krank. Wem das Wort „Israel“ausreicht, um es sofort mit dem innerlichen Stempel „böse“ zu versehen, ist krank.

Die heutigen Morde sind die abscheuliche und zum Himmel schreiende Fortsetzung dessen, was schon immer in den letzten 2000 Jahren passierte und in dem unbeschreiblichen Grauen „Made in Germany 1933-1944“ den absoluten und katastrophalen Höhepunkt fand. Nach dieser Katastrophe besann sich die Welt, (mit Ausnahme der arabischen sowie kommunistischen Welt), und es begann die Zeit, die bis heute andauert und mit dem Titel „Gedenken. Made in Germany“ betitelt werden kann.

Die Geschichte geht aber weiter und verharrt nicht im feierlichen Gedenken. Die heutigen bestialischen Morde sind die direkte Fortsetzung der Geschichte. Sie sind ein Angriff auf Juden, sie sind Morde an Juden, aus einem einzigen Grund: WEIL DIE OPFER JUDEN WAREN. Es ist der reine Judenhass, der alle arabischen Terroristen und Verbrecher dazu bringt, Juden umzubringen. Die verstecken es nicht einmal – es reicht, einen palästinensischen Fernsehkanal einzuschalten, oder die Charta der Hamas durchzulesen.

Deswegen, Ihr Deutschen Geschichte-Bewusstseier, seid doch mal mutig, Euch WIRKLICH der Geschichte bewusst zu werden. Nicht der Geschichte, die sich vor 70 Jahren ereignete, sondern der Geschichte, die heute stattfindet. Wenn Ihr Israel kritisiert, dann macht es nicht, wie ein von einem bestimmten Schauspieler besessener Theaterkritiker, der sich auf diesen einen Schauspieler fixiert hat, und ihn einfach nur ununterbrochen zerreisst. Schaut auf den Rest der Bühne und versucht mal wirklich, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Ansonsten macht ihr euch als Kritiker lächerlich. Denn Kritik heisst nicht „Negativität“. Kritik heisst, zu versuchen, das Richtige vom Falschen zu trennen. Zu erkennen, was gut und was schlecht ist. Und das beginnt bei einem selbst.

Was ist nun gut und schlecht in dem Stück „Nahostkonflikt – die Geschichte geht weiter“?

Ist es das Gute, wenn eine Mutter das eigene Kind direkt unter die Bomben plaziert, die darauf abzielen, terroristische Stellungen zu treffen? Ist DAS das Gute? Oder vielleicht doch das, dass ein Land auch seine erbittertsten Feinde, Mörder und Angreifer auf Staatskosten in einem Krankenhaus behandelt?

Oder ist es Ausdruck des Guten, wenn man Menschen im Gebetshaus beim Beten ermordert? – Kommt mir jetzt nicht mit der „Verzweiflung der Palästinenser“. Keine Verzweiflung, (und vor allem nicht die selbstverursachte), rechtfertigt ein Abschlachten anderer Menschen. Die Palästinenser hätten längst, vor 66 Jahren nämlich, ihre Verzweiflung und finanzielle Not auskurieren können, wenn sie die freundschaftlich ausgestreckte jüdische Hand nicht auf brutalste Weise abgeschlagen hätten – Kommt mir jetzt nicht mit „die Juden besetzten fremdes Land“. Es gab niemals ein Land namens Palästina. Und das Volk der Palästinenser ist eine ziemlich an den Haaren herbeigezogene, künstliche Konstruktion. Ihr, lieben Geschichts-Bewusstseier, habt viel zu oft viel zu wenig Ahnung von Geschichte. Ihr lasst Euch mit vorgefertigten Meinungen und Informationen vollstopfen, die viel zu oft auf diesem gewissen dunklen Etwas basieren, das bei Wörtern „Israel“ und „Jude“ in Bewegung kommt.

Manchmal ekelt es mich richtig an, mir vorzustellen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die sich auf die Geschichte berufend (oder aus einem Schock über die Verbrechen der Deutschen in 1933-45), die heutige passierende Geschichte auf den Kopf stellen und sich, wie hypnotisiert durch irgendetwas, gegen Israel stellen. Das nimmt mir alle Hoffnung, dass die Deutschen „aus ihrer Geschichte etwas gelernt haben“. Was mir diese Hoffnung oft wiedergibt, ist die Tatsache, dass es in Deutschland Menschen, wie Gerd Buurmann gibt, die sich nicht zu schade, nicht zu bequem und nicht feige sind, solche Artikel zu verfassen. Eben, WEIL sie mit der Geschichte bewusst umgehen.

Liebe Geschichtsbewüsstler, wenn Ihr Israel nicht kennt, nicht wirklich wisst, was und wie dieses Land tut, es aber aus einem unbestimmten dunklen Etwas heraus kritisieren müsst, dann habt IHR ein Problem und nicht Israel. Dann seid IHR einseitig und nicht Israel. Dann kommt IHR mit der deutschen Geschichte nicht klar, und nicht Israel. Die „Israelkritik“ ist ein krankhaftes Echo der Nazizeit. Das ist meine Meinung.

Tel-Aviv. 19.11.2014

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„Ich hab kein Mitleid“

Jürgen Todenhöfer schreibt auf seiner Facebook-Seite zu dem bestialischen Mord an vier betende Juden in einer Synagoge in Jerusalem:

„Wenn die Politiker jetzt nicht besonnen reagieren und Israel seine Palästina-Politik nicht fundamental ändert, steuert Palästina auf einen neuen Krieg zu. Die Äußerungen der Hamas und Netanyahus stimmen mich pessimistisch.“

Es schreibt in ihm. Den Rest übernehmen seine Leserinnen und Leser, die allerhand Ungeheuerliches auf seiner Seite veröffentlichen dürfen. Tapfer im Nirgendwo präsentiert nur eine kleine aber sehr aussagekräftige Auswahl:

„Es gibt keine Zivilisten in Israel das sind alles illegale Besatzer sobald sie 18 sind sind sie keine Kinder mehr also dürfen sie bekriegt werden … Also auch getötet man lässt diesen armen Volk keine andere Wahl abgesehen davon glaube ich nicht das es palestinenser waren …“

„Ach ja und wie wahr das einen Palästinenser mit 16.Jahren anzünden schon vergessen????? er muss Benzin schlucken und jetzt schon Vergessen oder. Tfuuuu ehrlich die Palästinenser haben das Recht sich zu verteidigen, sich zu wehren egal wie…. WEIL ES REICHT ES REICHT !!!!!!!!!!!!!“

„Alles geplante Aktionen von den Zionisten um die palestinänser wieder ohne worwürfe bombardieren zu können und Land klauen zu können. Zudem würde ich gerne wissen warum es keine Berichterstattung über die al-aqsa Moschee gibt. Sind die Anschläge auf Moscheen gerechtfertigt.???“

„Israhell versteht leider nur die Sprache der Gewalt! Die Zionisten sind das Problem – Palästina die Lösung!“

„Ermordung ist nie schön! Aber was hat israel erwartet?“

„Wer, wie die Zionisten mordet, raubt und unterdrückt, darf sich nicht wundern, wenn die Unterdrückten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zurückschlagen.
Viva Palästina!“

„In Synagoge ist sowas scheiße.
Aber Israel wird niemals ruhe und Frieden bekommen.“

„Aufgrund der bisher bekannten Doktrin der Ultra Zionisten würde es mich nicht wundern, wenn auch diese Morde vom Mossad begangen wurden um die Palästinenser zu dezimieren. „Endlösung 2.0″!“

„Ich hab kein Mitleid !!!!“

„Herr Todenhöfer, es gibt keine Zivilisten in Israel. Jeder einzelne ist ein Besatzer.“

„Mein Land ist Gott Sei Dank..mit Hilfe der Hizbollah standhaft gegen die Zionisten gewesen. Und das wird auch so bleiben. Den Erfolg wünsche ich natürlich meinen palästinensischen Geschwistern ebenso !!!!“

„Verpisst euch aus Palästina“

„Lang lebe Palästina Lang Lebe die Hamas“

„So einen Mist verzapft doch der israelische Geheimdienst selber, um ihre Aggression zu rechtfertigen … ist doch ein alter Hut.
Kann man sich natürlich nicht sicher sein aber das gängige Prinzip ist Fakt und diesen faschistischen Drecksäcken durchaus zuzutrauen.“

„Jürgen das ist doch eine Seifenoper des Krankem System des Antichristenverein !“

„Solange niemand die Israelis in die Schranken verweist, wird es niemals Ruhe im nahen Osten geben.“

„Sorry ich kann kein Mitleid haben mit den Zionisten“

„Israel soll endlich aufhören die Opferrolle zu spielen jeder Mensch mit nur einem Halben Gehirn weiß wer die wahren Terroristen sind seit 67 Jahren!!! Schande an alle Mainstream Medien!!! Bald könnten sich alle Pro Israel Politiker sowie Herr Gysi mit Schande Israels in der Toilette sperren!!!“

„Das waren die Zionisten 100% selbst um weitere Morde an Palästinenser rechtzufertigen! Drecks landräuber“

„Er hat viel zu wenige mitnehmen können, leider. Aber das war alles geplant, um ein Grund wieder zu finden und Kinder zu töten. Nieder mit Israhell.“

„Nieder mit USreal“

Und immer wieder diese Floskel:

„Ich möchte auf keinen Fall diesen Mord rechtfertigen, aber …“

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Israelische Deutsche gesucht!

In Mainz wurde eine Strafanzeige gegen den Veranstalter einer Anti-Israel-Demo wegen Volksverhetzung eingestellt. Bei der Demonstration waren folgende Parolen durch ein Megaphon gerufen worden: „Tod, Tod Israel“, „Kindermörder Israel“ und „Nieder, nieder Israel“. Der Mainzer Politiker Johannes Gerster (CDU) sah den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt und erstattete Anzeige. Die Anzeige wurde eingestellt. Gerster legte daraufhin Beschwerde ein. Der Generalstaatsanwalt sah jedoch „keinen Anlass, die Wiederaufnahme der Ermittlungen anzuordnen“, da Ausrufe wie „Tod, Tod Israel“ nicht den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllten, weil sie nicht eine inländische Bevölkerungsgruppe betreffe. Gilt das eigentlich auch, wenn jemand ruft: „Tod der Türkei“?

Johannes Gerster bestreitet, dass die Ausrufe sich allein gegen den Staat Israel wendeten und nicht gegen die deutschen Juden: „Die Demonstration war von Beginn an darauf angelegt, die Menge zum Hasse gegen Juden aufzustacheln – dafür trägt der Veranstalter höchstpersönlich die Verantwortung.“ Johannes Gerster ist davon überzeugt, dass „antisemitische Demonstration wie in Mainz gegen die Juden hier gerichtet waren – nur Staatsanwälte in Mainz haben das offenbar nicht verstanden.“

Vielleicht kann man es der Staatsanwaltschaft in ihrer Sprache erklären. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist in Deutschland zwar nicht erwünscht, wird aber in gewissen Fällen ermöglicht. Ich bin mir fast sicher, dass es deutsche Staatsbürger gibt, die auch einen israelischen Pass besitzen. Tapfer im Nirgendwo bittet daher alle deutsche Staatsbürger, die einen israelischen Pass besitzen, Anzeige wegen Volksverhetzung zu erstatten, weil sie als Teil einer deutschen Bevölkerungsgruppe, nämlich deutsche Staatsbürger mit israelischem Pass, verhetzt wurden.

 

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Liebe Vergangenheitsbewältiger

Meine Rede im Rahmen der Gedenkstunde am 9. November 2014 im Foyer des Dortmunder Opernhaus‘ zur Pogromnacht.

Ich habe in meiner Schulzeit jeden 9. November mit dem Schulchor vor dem Gedenkstein in meinem Heimatdorf gesungen, der an die Synagoge erinnert, die 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde. Ich habe Klassenfahrten nach Dachau und Theresienstadt gemacht, habe mit Oma und Opa über die Zeit des Nationalsozialismus’ gesprochen und “Schindlers Liste” im Leistungskurs Geschichte geschaut. Ich bin, was man einen Vergangenheitsbewätiger nennen kann.

Wir haben uns mit unserer Vergangenheit auseinander gesetzt. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Heute sitzen wir hier und ganz weit von uns, schön weit weg, irgendwo die böse, dunkele Vergangenheit. Aber ist die Vergangenheit wirklich so weit weg? In den letzten Wochen und Monaten wurden diese Parolen auf deutschen Straßen skandiert:

„Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“, „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“, und immer wieder „Kindermörder Israel“. Die letzte Parole erschallte in Frankfurt sogar aus einem Lautsprecher auf einem Polizeiauto und in Hagen aus einem Megaphon, das die Polizei den Skandierenden geliehen hatte. Im Jahr 2014 unterstützen Deutsche Polizisten Demonstranten logistisch, die Israel als Kindermörder dämonisierten.

Heute ist der 9. November 2014. Vor 76 Jahren entlud sich in der Nacht zum 10. November der blanke Hass auf deutschen Straßen. Hören Sie sich mal diese Worte an:

“Juden sind fremdartige Bakterien, sie sind Mikroben ohne Beispiel auf dieser Welt. Möge Gott das schmutzige Volk der Juden vernichten, denn sie haben keine Religion und kein Gewissen! Ich verurteile jeden, der glaubt, eine normale Beziehung mit Juden sei möglich, jeden, der sich mit Juden zusammensetzt, jeden, der glaubt, Juden seien Menschen! Juden sind keine Menschen, sie sind kein Volk. Sie haben keine Religion, kein Gewissen, keine moralischen Werte!“

Was klingt wie eine Rede von Joseph Göbbels ist in Wirklichkeit viel jünger. Sie wurde am 28. Februar 2010 auf Al-Aqsa TV von einem Minister der Hamas gehalten. Die Hamas wurde in Gaza zur stärksten Partei gewählt und fordert laut Artikel 7 der eigenen Gründungscharta die Vernichtung aller Juden weltweit. All das passiert heute. Wir aber sitzen hier und bewältigen Vergangenheit. Gegenwärtige Probleme werden in Deutschland erst in der Zukunft als Vergangenheit bewältigt!

In Deutschland findet Judentum fast nur noch in Gedenkstunden statt. In Schulen taucht das Judentum deutlich öfter im Geschichtsunterricht auf, als im Philosophie-, Ethik-, Religions- oder Gesellschaftskundeunterricht. Juden, das sind für viele Deutsche die Opfer von damals, nicht die Lebenden von heute.

Ich bin von Beruf Schauspieler und Theaterautor. Wenn ich in New York bin und dort sage: „Heute gehen wir in ein jüdischen Stück“, dann sehe ich freudige Augen. Jüdisches Theater, das steht in Amerika für spritzige Dialoge, humorvoller Tiefgang, für Woody Allen und Neil Simon. Wenn aber in Deutschland sage: „Heute gehen wir in ein jüdisches Theaterstück“, dann sehe ich in deprimierte Gesichter. In Deutschland steht jüdisches Theater für Auschwitz, Holocaust und Anne Frank. In Deutschland sind Juden die Toten von damals.

Das größte Denkmal für Juden in Deutschland ist das Holocaust Mahnmal. Altkanzler Gerhard Schröder sagte einst dazu, es sei ein Ort, „wo man gerne hingeht“. Der Historiker Eberhard Jäckel brachte es sogar fertig, zu sagen: „Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“

Deutschland ist stolz auf seine Vergangenheitsbewältigung, die es ohne die Vergangenheit natürlich nicht gäbe. Bei dem ganzen Stolz haben jedoch viele die Gegenwart vergessen, die lebenden Juden von heute.

Auf deutschen Straßen wird wieder gegen Juden gehetzt, Synagogen werden attackiert. In Offenbach ist erst vor ein paar Tagen ein Schulsprecher zurückgetreten, da er als Jude wiederholt von muslimischen Schülern attackiert wurde. In Belgien und Frankreich wurden in den letzten Jahren sogar Juden gefoltert und ermordet, weil sie Juden waren, zum Beispiel in Toulouse und Brüssel.

Seit über 60 Jahren sieht sich das kleine demokratische Land Israel von Feinden umzingelt, die einen Krieg führen, an dessen Ende die Radikalen von der Hamas die Vernichtung aller Juden fordern, während die sogenannten Gemäßigten von der Fatah nur die Vernichtung des Staates Israels in Aussicht stellen. Seit Jahrzehnten muss sich Israel gegen seine Vernichtung verteidigen. Und was macht die deutsche Mehrheitsgesellschaft? Sie kritisiert Israel!

Natürlich macht Israel Fehler. Israel befindet sich im Krieg. Im Krieg machen alle Fehler! Aber Israel will diesen Krieg nicht! Israel will von Freunden umgeben sein, nicht von Feinden. Israel zu kritisieren, weil das Land die Absichtserklärung der Feinde, alle Juden zu vernichten, ernst nimmt, ist so geschmacklos, wie die revoltierenden Juden im Warschauer Ghetto zu kritisieren, weil sie sich gewehrt haben und dabei töten mussten.

Jetzt ist es mir auch passiert. Ich stecke schon wieder in der Vergangenheit.

Liebe Vergangenheitsbewältiger,

hier stehe ich, Euer Sohn. Was ich Euch sage, mag Euch vielleicht ein bisschen überraschen, aber aus dem Holocaust gibt es nichts zu lernen! Nichts! Was soll uns denn der Holocaust gelehrt haben? Dass man Menschen nicht millionenfach vergast? Dass Juden auch Menschen sind? Dass man lieb zueinander sein sollte? Dass man sich wehren darf, wenn man verfolgt wird? Dass man Menschen, die andere Menschen vergasen, den Krieg erklärt? Dass man wahnsinnige Menschen mit allen Mitteln entwaffnet? All das sollte man auch ohne Holocaust wissen! Der Holocaust ist keine Nachhilfe für moralisch Sitzengebliebene, sondern schlicht ein unvergessbares und unverzeihliches Verbrechen, aus dem es nichts zu lernen gibt!

Nicht wenige wollen jedoch unbedingt etwas aus dem Holocaust lernen. Zu irgend etwas muss Auschwitz ja gut gewesen sein. Und sie haben aus der Vergangenheit gelernt. Sie haben gelernt, jetzt Israel zu kritisieren und zwar mit letzter Tinte. Darauf sind sie stolz und das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen.

Heute ist der 9. November 2014. Heute werden Juden in Deutschland beleidigt, geschlagen und angegriffen. Im Nahen Osten wirken Menschen, beseelt von dem Wunsch nach einem neuen Holocaust! Das ist die Gegenwart! Aber die Gegenwart von heute wird die Vergangenheit von morgen sein. Anstatt ständig Kränze für tote Juden abzuwerfen, während die lebendigen Juden vor allem in Israel kritisiert werden, weil sie sich nicht einfach so abschlachten lassen wollen, sollten wir den lebendigen Juden etwas mehr Solidarität zeigen. Vielleicht sparen wir uns in den nächsten Jahren einfach mal ein paar Kränze für tote Juden und laden dafür öfter lebendige ein. Juden lieben das Leben. Sie stoßen sogar darauf an: Lechaim!

Letztes Jahr, am 9. November 2013, hielt Edna Brocke an dieser Stelle eine Rede, die heute, ein Jahr später, als prophetisch bezeichnet werden kann. Sie sagte:

„Im Allgemeinen, werden wir auf die Gefahren „von Rechts“ hingewiesen. Ja, die gibt es. Sie sind offenbar und plump. Aber diese sind eben nicht die einzigen Gefahren. Erheblich gefährlicher für uns Juden in Europa, oder in dem was wir noch als „den Westen“ bezeichnen können, sind die hochgradigen Emotionen vieler linker Kreise, die eben subtil und nicht so plump wie die Rechten agieren, sowie jenen aus der islamischen Welt, die über die digitalen Medien den von uns für überwunden geglaubten alten christlichen Antisemitismus, nach ganz Europa zurück importierten.“

Liebe Vergangenheitsbewältiger,

ich habe eine Bitte an Euch: Gebt unseren Kindern und Enkeln keine Zukunft, in der sie unsere Gegenwart als Vergangenheit bewältigen müssen.

Vielen Dank!

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